Philipps Baum in Hamburg Volksdorf

Aktualisiert: Mai 27


Für Philipp, wird heute, rund 10 Jahre nach seinem Suizid, ein Reneclodenbaum gepflanzt. Dessen Früchte mochte er besonders gern und nur durch Philipp hat Birte dieses Obst kennengelernt. In der Literatur heißt es, dass es rund 2000 verschiedene Pflaumenarten gibt, zu denen auch die Renecloden gehören. Mindestens eben so viele ups and downs kennt Birte aus Ihrem Alltag mit Philipp.

Philipp wollte leben. Ganz gewiss wollte er das. So wie die allermeisten Menschen, die sich suizidieren, eigentlich leben möchten. Doch sein Krankheitsverlauf und ein Teil der Gesellschaft um ihn herum, machten es ihm nicht leicht. Andere waren da und halfen wo es nur ging, wann es nur ging und wie auch immer sie konnten. Einen Menschen in seelischer Not zu unterstützen und ihm irgendwie zu helfen, ist mindestens ebenso schwierig, wie Hilfe zuzulassen und anzunehmen.

Die Macht der Kinderseele

Kann man sich Lebenssituationen vorstellen, die einem gänzlich fremd und unbekannt sind? Wie fühlt man sich, wenn man eigentlich überdurchschnittlich intelligent ist, doch Panikattacken und Ängste einem das Leben zur Hölle machen und immer dann einen Strich durch die Rechnung machen, wenn es darauf ankommt? Nicht nur einmal, sondern mehrmals. Ständig, ja eigentlich sogar fast immer. Was macht die Seele aus dem regelmäßigen Vorwurf: „Du hast versagt und bist einfach nichts wert“?

Mein Stiefvater konnte gar nicht oft genug loswerden, dass ich zu dumm für alles sei und jedes Begehren von mir, etwas Besonderes lernen zu wollen, wurde hartherzig mit der Information abgeschmettert: „Dafür hast Du kein Talent“. Die Frage woher wer das wissen will, wenn ich es noch nie versucht hatte, wurde nie beantwortet. Es war offensichtlich auch nicht wichtig. Dann kamen die ersten schlechten Noten in der Schule, die Panik vor Prüfungen und selbstverständlich das Versagen, wenn mir der Prüfer zu dicht auf die Pelle rückte und über meine Schulter hinweg, mich beobachtete und bewertete. Die Angst zu versagen war so groß, der eigene Druck zu beweisen, was wirklich in mir steckt so immens, dass ein böser Blick oder das spöttische Grinsen genügte, um das labile Konstrukt von Selbstsicherheit, in sich zusammenbrechen zu lassen. Und dann all diese Dinge, die ich beim besten Willen nicht verstand. Höhere Mathematik, schwierigste Physik, meterlange chemische Formelgebilde, dieses und jenes. Die Welt um mich herum hatte offensichtlich weniger Probleme damit. Vermutlich war ich doch zu dumm für alles und vermutlich hatte er Recht. Doch es ist ja nicht nur eine Person, sondern ein ganzes System, das uns alle klassifiziert und Erwartungen erfüllt sehen möchte. Es kommt nicht mehr darauf an Stärken zu entdecken, Talente zu fördern oder den Wunsch nach einer sich selbst verwirklichenden Tätigkeit zu fördern und zu unterstützen. Nein „Du musst Geld verdienen“ hieß es, sonst wird gar nichts passieren. „Und wenn Du nichts hast, dann wirst Du auch nie weiter kommen, ja dann wird es noch nicht mal mit einer Freundin klappen, geschweige mit der wichtigen Karriere“, schob man noch wohlwollend hinterher.

Das Gehirn und die Seele reagiert. Die Seele ist im Dauertrauermodus, weil man ja anscheinend kein Talent für Nichts hat. Ein Ding der Unmöglichkeit das zu tun, wonach das Herz begehrt und die Sehnsucht brennt. Das Gehirn schmiedet indes Pläne. „Ich zeige es Euch allen“, ich kann noch viel mehr und werde schon beweisen, dass ich auch was kann. Vielleicht nicht das, was andere so machen, doch ich kann was, wirst schon sehen. Und vielleicht dauert es auch einige Jahre bis man entdeckt hat, was man so kann und beschreitet so manchen „Irrweg“. Dass man daraus auch lernt und viel Wissen mitnimmt, auf der Reise zur Selbstfindung, interessiert niemand. Weil sich irren, ja auch die Bestätigung fürs Verssagen ist. Von außen und von innen dröhnt es dann wieder laut und deutlich: „Siehste, Du kannst nix. Schon wieder versagt“. Und jeden Tag raubt die Tragödie des Versagens und der erfolglosen Versuche, zunehmend den Verstand und die Energie weiter machen zu wollen. Schlechte Gefühle erzeugen chemische Fehlfunktionen und im Kopf, in der Seele braut sich etwas zusammen, das klein beginnt und kontinuierlich Raubbau betreibt. Philipp hätte man besser nicht bekommen

Philipp war auch auf der Suche. Er wollte einfach nur bestehen können, nicht mehr versagen, nicht mehr hinten anstehen müssen und sich, aber auch den richtigen Job finden. Irgendwo auf diesem Weg holten ihn seine Depressionen ein. Als nicht gewolltes Kind, wurden sie vielleicht schon angelegt, als er das erste Mal hörte: „Eigentlich wäre es besser gewesen, ich hätte Dich gar nicht bekommen“. Versucht die Kinderseele zu beweisen, dass man es trotzdem Wert ist und man doch ein tolles Kind ist? Ein liebevoller Sohn, mit Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen? Je größer der Wunsch nach Liebe und Anerkennung wird, umso intensiver die Panikattacken und gefühlt, das ganz großartige Scheitern, irgendwie mit allem. Philipp traute sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mal mehr, es zu versuchen. Er hatte alles in der Tasche. Vorträge die Birte gemeinsam mit erarbeitet und geschrieben hat. Er hätte es nur noch ablesen müssen. Das konnte er nicht mehr.

Aus meinem „Du kannst nichts und Du hast kein Talent und Du wirst es nie zu etwas bringen“ versuchte die Kinderseele das Gegenteil zu beweisen. Immer höher, immer größer, immer noch großartiger, geht nichts gibt es nicht, nichts ist zu groß, um es nicht zu schaffen. Doch egal was ich vorlegte, was ich bewies, wofür ich öffentlich gelobt wurde, ich sollte niemals hören: Gut gemacht. Ich bin stolz auf Dich. Du kannst ja doch was.

Die Angst zu Scheitern

Was wenn ich den Baum hier nicht richtig einpflanze und die ersten komischen Kommentare auf Facebook kommen? Was wenn das was ich sage, nicht ankommt und einfach dumm ist? Oh Gott, was, wenn ich einfach die falschen Worte treffe? Was wird geschehen, wenn ich es nicht schaffe und mir eines Tages die Kraft ausgeht, auf meinem Weg um die Welt? Was ist wenn meine Verzweiflung und mein Mut in die geschlossenen psychiatrischen Klinik zu gehen, weil ich Angst vor mir selbst hatte, Angst vor einem Suizid, nichts weiter als der Beweis meines erneuten Versagens ist?

Kämpfen gegen die Todessehnsucht Wie Philipp trieb mich das Leben, die Angst, das Versagen, der Schmerz, das nicht mehr aushalten können dann doch in die Geschlossene. Philipp blieb dort ganze acht Monate. Es war nur eine Station von vielen klinischen Stationen. Auf seinen Freigängen am Wochenende fragte er zu Anfang dann auch schon mal, ob man nicht im Internet danach suchen könnte, wie man sich wohl möglichst schmerzfrei umbringen könnte. Der Tod nahm allmählich Gestalt an und Philipp war sich mehr und mehr darüber bewusst, dass er ein Leben in Watte gepackt verbringen muss, wenn er überleben wollte. Und trotzdem und gerade deshalb kämpfte er und hat nichts unversucht verlassen. Therapie, Medikamente, stationäre Behandlung und eines Tages war klar, dass „betreutes Wohnen“ wohl das Beste für ihn wäre, nachdem er sich endlich wieder irgendwie gefangen hatte.

Die Todessehnsucht löst in uns allen Angst aus. Ich hatte entsetzliche Angst, als ich das erste Mal Suizidgedanken hatte. Und es entwickelte sich zu einem Horror, als mein Partner Jose zunehmend von Suizidgedanken heimgesucht wurde. Auch Birte hatte Angst. Angst davor den Mann den sie liebte, tot zu Hause zu finden. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Diese Angst raubt einem den Schlaf, lässt einen nicht mehr denken, stört das Funktionieren und raubt jede Hoffnung auf friedliche gemeinsame Jahre. Der Kampf um den Erhalt der eigenen Gesundheit beginnt und gleichzeitig sucht man nach der letzten Chance den Partner zu halten, zu lieben, ein Leben zu planen. Philipp musste sich entscheiden: Klinik, Eltern oder eigene Wohnung. Philipp kämpfte und ging in die Klinik und sein Zustand besserte sich. Er konnte wieder sein. Er wollte wieder sein und vor allem wollte er niemandem zur Last fallen. Betreutes Wohnen sollte die Zukunft sichern. Alles wurde vorbereitet. Die Pfleger kannten Philipp gut, mochten und schätzten ihn. Die Ärzte hatten eine gute Prognose in Aussicht gestellt. Auch Birte konnte endlich wieder aufatmen und an eine gemeinsame Zukunft denken.

Fremdgesteuert

Eine gemeinsame Zukunft kam für meinen Partner Jose nicht in Frage. „Oh Gott, so alt will ich gar nicht werden“, hörte ich ständig. Auch ich hatte Angst, um ihn, um uns, um mich. Auch ich konnte eines Tages nicht mehr und stellte ihm ein Ultimatum. Klinik oder Beziehung. Jose wollte nicht kämpfen. Vielleicht konnte er es auch schon lange nicht mehr. Er beendete sein Leben. Der Schock sitzt bei allen Freunden und Angehörigen tief. Kaum einer mag es glauben. Fast niemand versteht was passiert ist. Auch mein Leben sollte, lange vor Joses Suizid, nicht mehr länger andauern. Mein Gehirn traf eine Entscheidung, die nicht von Mario kam. Wie eine Marionette befolgte ich die Befehle aus dem großen schwarzen Loch über und unter mir. Stumpf, nicht hinterfragend und ohne Vorwarnung, folgte ich urplötzlich, aufgrund eines lächerlichen Vorfalls, Schritt für Schritt dessen was ich tun musste, bis schließlich das Leben erlosch und ich viele Stunden später auf der Intensivstation erwachte. Ein Schock. Für mich, für meine Freunde, für jeden der mich kannte. Am Ende blieb bis heute nichts weiter, als ein „Warum?“

Und plötzlich passte Alles

Ein Schock auch für Birte, die damals nur wenige Meter von hier in einer Wohnung lebte, in der sie die meiste Zeit, zusammen mit Philipp verbrachte. Deshalb wird heute, an dieser Stelle auch Philipps Baum gepflanzt. Ein Schock deshalb, weil Philipp auf einem guten Weg war und von der Wohnung kam, in der er betreut leben wollte. Er wollte leben – irgendwie. Dafür hat er alles getan. Und dann, auf dem Weg nach Hause sprang er in den Tod. Einfach so.

Er sagte mal, dass er sich nur das Leben nehmen würde, wenn alles drum herum passt. Scheinbar weit von solchen Gedanken entfernt, passierte er plötzlich ein Ort, an dem vielleicht alles passte und das Gehirn, die böse Macht, der Seelenkrebs als Puppenspieler, die Fäden ergriff und den letzten Akt des Lebens scheinbar gleichgültig und grundlos zelebrierte. Ohne Chance, dass er sich dagegen wehren konnte. Was bleibt sind Erinnerungen. Gute und schlechte, schöne und traurige und ein großes „Warum“, das niemals eine Antwort erfahren wird.

Niemand möchte freiwillig aus dem Leben scheiden Kaum jemand zelebriert den Freitod, es sei denn, man möchte nicht Opfer einer tödlich verlaufenden Krankheit werden. Die Stimme im Kopf die den eigenen Tod befiehlt, die fremde Macht, die einen benutzt und das Gefühl, der Tod sei leichter als das Leben und eine nicht geplante, nicht gewollte und tödliche Affekthandlung sind Symptome psychischer Erkrankungen. Die Antwort nach dem Warum, liegt in der Erkrankung verborgen und nicht im Willen. Denn wir alle wollen eigentlich leben. Wir sollten uns nicht fragen, warum er oder sie diesen Weg wählte. Wir können uns aber fragen, warum er oder sie sich nicht rechtzeitig behandeln hat lassen oder, wie in Philipps Fall: Warum es trotz intensivster Behandlung so weit gekommen ist. Eine Antwort drauf wird es in keinem Fall geben. Und trotzdem gibt es Wege und darauf möchte ich mit TREES of MEMORY aufmerksam machen.

Philipp ist seit 10 Jahren nicht mehr unter uns. Aber dieser Baum beweist, dass er nicht vergessen ist. Denn, wie einige Zeilen aus dem jüdischen Gebetsbuch sagen:

Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang

erinnern wir uns an sie;

Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters

erinnern wir uns an sie;

Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers

erinnern wir uns an sie;

Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes

erinnern wir uns an sie;

Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht

erinnern wir uns an sie;

Wenn wir müde sind und Kraft brauchen

erinnern wir uns an sie;

Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen

erinnern wir uns an sie;

Wenn wir Freude erleben, die wir so gern teilen würden

erinnern wir uns an sie;

So lange wir leben, werden sie auch leben,

denn sie sind nun ein Teil von uns,

wenn wir uns an sie erinnern.

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