Rede anlässlich der Baumpflanzung für Heikes Vater in Hamburg Finkenwerder


Liebe Heike,

18 Jahre ist es nun her, seit sich Dein Vater das Leben genommen hat. Fast zwei Jahrzehnte, die bei Dir und innerhalb Deiner Familie mit Trauer und nach wie vor auch mit viel Wut gefüllt sind. Sein Tod war sinnlos, nicht notwendig, die damaligen Umstände gar nicht so schlimm. Trotzdem, dass viele Fragen beantwortet werden konnten, blieb sein Tod, Dir und Deiner Familie, die große Frage nach dem „Warum“ schuldig. Wie kann man sich als Vater direkt nach der Hochzeitsfeier der eigenen Tochter das Leben nehmen? Ich glaube, dass sich diese Frage fast jeder stellt und vermutlich ist es bei den meisten Menschen auch eher eine Anklage, als eine Frage. Menschlich ist das wohl nachvollziehbar.

Die Frage nach dem Warum

Keine Antwort zu bekommen treibt uns Hinterbliebene oft ein Leben lang um. Die Stille, die sich wie Gift in unserer Seele ausbreitet, treibt uns mitunter fast in den Wahnsinn. Die Verzweiflung ist in solchen Momenten nicht in Worte zu fassen. Stille passte zu Deinem Vater, der nie ein Mann großer Worte war. Obwohl lustig und auf jedem Familienfest ein gern gesehener Spaßgarant, sah es in seinem Inneren doch ganz anders aus. Da herrschte auch eine Stille, die er nach außen transportierte. Er machte die Dinge lieber mit sich selbst aus. Klärte was nicht zu klären war und versank in seiner eigenen Welt, im immer dicker werdenden Sumpf der Verzweiflung und der Perspektivlosigkeit.

Die Frage nach dem Warum geht auch einher mit der Frage, warum Menschen, die am Abgrund stehen nicht reden und sich jemandem anvertrauen. Ist es Scham? Ist es Angst? Ist es Sorge? Denkt man bei sich selbst, dass man verrückt ist und in der Psychiatrie weggeschlossen wird, wenn man Suizidgedanken erwähnt? Ich denke es ist aus allem etwas. Bei mir war es zumindest so.

Drei Beispiele wie Suizidgedanken wirken können

Meine ersten Suizidgedanken dauerten fast 14 Tage lang an. Ich wollte mich in Italien bei meiner Schwester erholen, doch die Kreisgedanken glichen einem Dauerfeuerwerk und ließen mich nicht mehr los. Wann tute ich es? Wie werde ich es tun? Wo werde ich es machen? Ich machte mir Gedanken darüber ob es schmerzhaft sein wird. Und dazwischen immer wieder: „Mario hör auf, das bist du doch gar nicht. Überleg doch mal. Der Grund ist doch lächerlich. Wenn Du willst, dann hast Du in vier Wochen schon ein neues Leben.“ Ich war nicht in der Lage mit jemandem darüber zu sprechen. Ich hatte ja zu dieser Zeit auch keinen Psychologen. Vor allem hätte es mir auch nichts genutzt, denn ich hätte ihn in diesem Moment gebraucht und nicht erst in acht Wochen. Ich konnte aber auch nicht zu irgendwelchen Freunden gehen. Was hätten die denn gedacht, wenn ich gesagt hätte, dass mein Gehirn plant, mich umzubringen. Wie kann man einem dritten erklären, dass ein potentiell tödlicher Krieg im Inneren tobt und man als gequälter Beobachter daneben steht und dem Treiben hilflos zusieht und hofft, dass es gut ausgeht? „Ich habe Suizidgedanken seit meinem 16 Lebensjahr, sagte Jürgen immer wieder zu mir. Ist immer gut gegangen“.

Was bedeutet denn ist immer gut gegangen? Dass man noch am Leben war? Oder sich einfach nichts aus solchen Gedanken machte? Ist „gut gegangen“, dass Gedanken an einen Suizid nur einmal kommen und gehen oder einfach nur ab und zu. Bedeutet es, dass ich sie wahrnehme aber nicht ernst nehme und sie deshalb auch wieder gehen können? Oder heißt „gut gegangen“ einfach nur, ich lebe mit diesen Gedanken, die zu meinen treuen Gedanken geworden sind.

„Der Gedanke sterben zu können, wann immer ich mag, ist eine Art Lebensversicherung. Nur so kann ich weiter machen und kann es aushalten“. So einen Satz habe ich schon oft gehört und oft gelesen. Ich selbst sagte schon, dass die Tatsache alles zu haben, was einen Suizid ermöglicht, mir gut tut, weil es meine Lebensversicherung ist. Es ist, wie einen vollen Weinkeller mit 500 Flaschen zu haben, um kein Alkoholiker zu werden. Es ermöglicht einem das Gespräch mit der Flasche zu suchen, ohne sie anzufassen. Sie ist dann die einzige Vertraute. So wie ein Gewehr, Pillen oder was auch immer zu einem Vertrauten werden können. Damit kann ich sprechen. Es wird mich verstehen. Es wird mir Halt geben und wird mich erlösen. Alles Dinge, die ein Freund oder die Familie nicht kann. Das macht ja auch Sinn. Was sollte denn die Mutter, die Tochter oder der beste Freund auch tun. Sie verstehen doch gar nicht, was im Kopf abläuft. Die haben doch keine Ahnung wie es ist, mit der Perspektivlosigkeit tagtäglich aufzuwachen. Die fühlen doch nicht, wie sich die Schwärze ausbreitet und zu einer Dauertraurigkeit führt. Was weiß denn schon ein anderer davon, wie es sich anfühlt dieses Geschwätz von „Das geht vorbei“ oder „Du schaffst das“. Es wird schon gut gehen. Es ist ja bis jetzt immer gut gegangen.

Und eines Tages, ohne Vorwarnung, in einem Moment wo eigentlich alles toll ist, kommt plötzlich aus dem Nichts heraus der Befehl: „Tu es, jetzt.“ Worauf wartest Du noch? Es wird nicht mehr besser. Jetzt ist der beste Moment dafür…“ So einen Moment gab es auch bei mir. Und leider war es kein Moment sondern es dauerte ganze vier Tage. Im zweiminütigen Abstand der laute bösartige, kaltherzige Befehl, gesprochen von einer Stimme, die widerlicher nicht sein konnte. Laut, bestimmend, beherrschend, keinen Widerspruch duldend. TU ES! Ausgelöst durch zu viel Party, zu viel Alkohol, zu viel allem. Es gingen unfassbar vier schöne Tage voraus und vollkommen unvermittelt, mitten beim Feiern: „Geh, tu es“.

Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage nach dem Warum. Vielleicht gibt das einen Einblick, darin, wie das Gehirn tickt, wenn die Chemie der Depression schon zu lange verrückt spielt.

Niemand will das Leid und den Schmerz der Angehörigen

Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass Dein Vater nicht wollte, dass der gemeinhin schönste Tag im Leben einer jungen Frau, die dazu noch hochschwanger war, in einer Katastrophe endet. Ich bin mir sicher, dass Dein Vater sich nicht aus der Verantwortung stehlen wollte und dachte: nach mir die Sintflut, soll doch meine Frau schauen wo sie bleibt“. Ich bin überzeugt davon, dass seine Stille Deinem Bruder nicht sagte, dass er nicht geeignet für den Hof ist. Ich glaube fest daran, dass er seine Enkel groß werden sehen wollte und hoffte, die Probleme die sich angehäuft haben, zu meistern. Ich denke, dass er ganz bestimmt wollte, dass seine Kinder stolz auf ihn sein können. Doch dann kam der Befehl zu gehen und es lag noch immer keine Antwort auf dem Tisch, die ihn aus der Dunkelheit leitete.

Ich weiß noch sehr genau, wie es war, als eine andere Form der Suizidgedanken auf mich einwirkte. Ich habe noch nicht mal gedacht, geschweige denn einen Plan in die Tat umgesetzt. Wie eine Marionette führte ich Schritt für Schritt aus, was sich das Böse, das an den Fäden zog, sich für mich ausgedacht hat. In mir war das Gefühl: Hey, jetzt läuft aber etwas total falsch. Ich wusste, dass ich eigentlich nur die Klinik anrufen müsste, doch ich konnte nicht. Ich war ein Gefesselter, der Zombiegleich ausführte, was noch nicht mal ein Gedanke war. Ich machte einfach irgendwas. Dass ich damit mein Leben beenden würde, war irgendwie klar und irgendwie auch nicht. Es gab keine Sekunde, in der ich an meine Schwester in Italien gedacht hätte oder an meine Mutter. Es gab keinen Gedanken an meinen Ex der mich erst Tage später in unserer gemeinsamen Wohnung finden würde. Emotional waren keine Freunde um mich versammelt, die mich bewahren konnten. Es gab nur mich und die Stille – in dem Fall noch nicht mal ein Befehl. Es war lediglich eine unfassbare tiefe und lärmende Stille, die nur von meiner Heulerei unterbrochen wurde. Ich hatte die ganze Zeit geheult. So lange bis ich damit fertig war und dann legte ich mich hin. Kein weiterer Gedanke, kein „Oh Gott was habe ich getan?“ kein nichts, bis ich das Bewusstsein verlor.

Ich kann mit 100%iger Sicherheit sagen, dass bei allen drei Gelegenheiten in denen die Suizidgedanken auftauchten, ich Mario, nicht daran beteiligt war. Das war ich nicht und das hatte nichts mit dem Sonnenschein zu tun, für den mich so viele hielten. Und das ist der einzige Grund, weshalb ich Jürgen verzeihen kann. Weil ich sicher bin, dass er in diesem Moment auch nicht mehr sich selbst war und etwas ausgeführt hat, das nicht dem freien Willen unterlag. Und trotzdem bin ich wütend auf ihn, weil er mir niemals geglaubt hat, wie ernst seine Situation ist und wie fatal es sein wird, wenn er sich keiner Therapie unterzieht. Ich bin wütend weil er es nicht versucht hat. Ich bin wütend auf eine Krankheit, die vermutlich dafür sorgte, dass er nicht erkennen konnte, was geschieht.

Es soll einfach aufhören

Und ich kenne das Gefühl, das meine drei Suizidgedanken-Szenarien begleitet hat. Mal stark mal irgendwie im Hintergrund. Ein Gefühl, das viele Menschen mit denen ich geredet habe beschreiben: Der Wunsch es möge einfach nur aufhören und zwar für immer und ewig. Und hätte ich nicht, so viele tolle Freunde um mich herum gehabt, und wären mehr und mehr Suizidgedanken oder Befehle gekommen, dann hätte ich vielleicht auch eines Tages wieder nur noch gewollt, dass es aufhört. Für immer und ewig. Als ich meinen Suizidversuch unternahm, waren diese Gedanken auch da. Es sollte einfach keine Wiederholungen mehr geben. Aber das war ein von der Tat losgelöster Wunsch, denn ich konnte nicht steuern, was ich tat.

Wir haben weder Schuld noch tragen wie Verantwortung

Du, ich, viele von den Hinterbliebenen teilen nicht nur den Schmerz, viele ungelöste Fragen und Vorwürfe, weil wir glauben Schuld zu haben. Wir haben keine Schuld, denn das richtige Wort ist Verantwortung. Und ihr Kinder könnt die Verantwortung nicht für das Leben Eurer Eltern tragen, so wie Deine Mutter keine Verantwortung dafür tragen kann, dass sie Deinen Vater nicht ins Bett geholt hat. Und Du hatest an Deiner Hochzeit ganz sicher auch alles richtig gemacht. Es gibt keine Schuld und Verantwortung trägt wenn überhaupt eine Krankheit.

"... der ist irgendwo..."

Doch neben diesen Gefühlen, teilen wir auch ein schreckliches Phänomen, das über Wochen, Monate und bei manchen sogar Jahre andauern kann. Wir glauben nicht, dass dieser Mensch tot ist. Wir rennen zur Tür wenn es klingelt, greifen das Telefon sofort wenn ein Anruf kommt und erwarten bei jedem Einkauf im Supermarkt, dass der geliebte Mensch, hinterm Regal ums Eck kommt und „Überraschung“ schreit. „Der ist nicht tot. Der treibt einen richtig miesen Scherz mit mir. Der will mir nur eines auswischen… usw.“ Als Du und ich darüber gesprochen hatten, war dieses Gefühl sofort wieder da und mit ihr die Hoffnung. „Der ist irgendwo…“. Das haben mir sogar Menschen erzählt, die den Angehörigen im Sarg gesehen haben. Die Abschied nehmen konnten. Du konntest das nicht. Ich auch nicht.

Weißt Du was ich mittlerweile glaube? Ich denke dass sie tatsächlich irgendwo sind. Niemals gegangen, sondern einfach noch da. Manchmal über uns wachend, manchmal auch tröstend. Sie erscheinen in unseren Träumen. Manchmal können wir sie riechen oder hören ihre Stimme. Ganz leise, im Vorbeigehen schicken sie uns kleine Zeichen. Und dieses verrückte Gefühl, das wir haben, ist ja nicht flüchtig, sondern es sitzt tief in uns drin und verblasst mit den Monaten und Jahren, für manche bleibt es sogar für immer. Aber tief in uns drin wissen wir: Der ist irgendwo… Und jetzt, mit diesem Apfelbaum für Deinen Vater, findet er auch irgendwie wieder einen Platz. Vielleicht hörst Du im Rascheln der Blätter ab und an seine Stimme und denkst an ihn in Liebe. Denn,

Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang

erinnern wir uns an sie;

Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters

erinnern wir uns an sie;

Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers

erinnern wir uns an sie;

Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes

erinnern wir uns an sie;

Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht

erinnern wir uns an sie;

Wenn wir müde sind und Kraft brauchen

erinnern wir uns an sie;

Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen

erinnern wir uns an sie;

Wenn wir Freude erleben, die wir so gern teilen würden

erinnern wir uns an sie;

So lange wir leben, werden sie auch leben,

denn sie sind nun ein Teil von uns,

wenn wir uns an sie erinnern.

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