Loslassen


31 Tage bin ich jetzt schon unterwegs und in den vergangenen Wochen beschäftigte mich vor allem ein Gedanke: Loslassen. Warum? Nicht nur, weil ich das Loslassen, von zum Beispiel meinem gesamten Besitz, die Wochen vor Projektstart reichlich üben musste, sondern weil ich mit jedem Baum der gepflanzt wurde sehe, was Loslassen mit Menschen macht. Und weil ich selbst das Loslassen von negativen Gedanken, immer noch nicht hin bekomme. Vor allem dann, wenn ich mich ärgere und Dritten erlaube, sich in meinem Kopf mit ihren Kommentaren einzunisten.

Der Dalai Lama sagt zum Thema Loslassen: „Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich was ich brauche.

Was war ich denn als ich losgelassen habe, was ich bin? Dozent, Journalist, Autor, Träumer, Sensibelchen, Verletzter, Kind, Psycho und ich glaube ziemlich trotzig hinsichtlich dessen, was vor allem diejenigen die mich nicht mögen, sich von mir und meinem Leben erhoffen. Und jetzt werde ich, was ich sein könnte? Vielleicht werde ich auch, was ich immer sein wollte und immer schon tief im Herzen war? Ein Abenteurer, ein noch größerer Träumer, ein Freigeist, einer der Begegnungen liebt, einer der …. Die Jahre werden die Antwort liefern.

„Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich was ich brauche.“ Ich habe alles losgelassen. Nichts ist mehr da. Keine Kleidung, keine Souvenirs, keine Kunst, kein Roller, kein Fahrrad, kein Fernseher, kein nichts. Was habe ich mir die Nächte, kurz vor meinem Abmarsch um die Ohren geschlagen, um nach alle Folgen oder Staffeln, diverser Serien sehen zu können. Ich klebte auf meinem geliebten Sofa und fragte mich, wie ich das Aushalten soll. So ganz ohne Entertainment und kuscheligem Rumhängen auf dem eigenen Hab und Gut. Und jetzt, vier Wochen später? Ich habe den Fernseher noch nicht einen Tag vermisst. Ich habe mir nach wie vor nicht einmal einen Nachrichtenfilm auf dem Handy angesehen und auch sonst keine Nachrichten abgefragt.

Lebe ich schlechter? Nein, ganz im Gegenteil. Ich konzentriere mich ausschließlich nur noch auf die Menschen, die auch wirklich mit mir zu tun haben wollen. Ich genieße die Zeit mit ihnen und abends falle ich todmüde und sehr erfüllt ins Bett. Die 100 Bücher, die ich auf meinen Kindl geladen habe, schleppe ich als digitales Gewicht mit mir rum und habe noch kein Wort gelesen. Ich komme nicht dazu und bin zu müde. Und vor drei Tagen, als ich tatsächlich mal lesen wollte, war es abends so kalt im Zelt, dass mir die Hände abgefallen sind, als ich außerhalb vom Schlafsack das Elektrobuch halten musste. Also habe ich es weggelegt und bin 15 Minuten später in einen tiefen Schlaf gefallen.

Was habe ich also bekommen? Ruhe, Schlaf, digitale Entgiftung und den Blick eines sechsjährigen für die Überraschungen der Natur, die jetzt im Frühjahr explodiert und mir Formen, Farben, Gerüche, Pollen und auch jede Menge Dreck um die Nase haut. Ich stehe am Waldesrand und sehe, wie ein leichter Wind, eine dicke gelbe Wolke durch die Bäume hindurch treibt bis sie schließlich über die Wiese gleitet und sich in jeder Ritze breit macht. Ja, auch in der Po-Ritze. Ich erfahre von Schäfern, dass es in den vergangenen sechs Jahren noch nie so viel Grün, wie um diese Jahreszeit gab und höre aber auch, dass der arme Mann noch nie so viel Totgeburten von Lämmern erlebt hatte. Ich werde von einem Mann, mitten auf der Straße mit einem Bier beschenkt, weil er toll findet was ich mache. Und ein 14jähriger Schüler versteht nicht warum ich sage, dass TREES of MEMORY ein Job ist, wo ich doch gar kein Geld damit verdiene. Und trotzdem verabschiedet er sich voller Gedanken, die noch lange nachwirken werden. Ich plaudere mit einer ukrainischen Hotelangestellten, die mir verrät, dass Bad Marienberg der dunkelste Ort in Deutschland ist und die vielen Spätschichten, das Städtchen noch dunkler und sie noch runder macht. Ich erlebe Jungs, die emotional so angefasst sind, dass sie früh morgens aus dem Haus rennen, nur um mich noch kurz bevor ich loslaufe, kennenlernen zu können. Nicht weil sie etwas wollen, sondern nur weil ich bin. Und ich empfange Emails und Postings als Antwort auf Videos oder Gesagtem, die mir Pipi in die Augen treiben. Nichts von alledem habe ich jemals zuvor erlebt oder bekommen – auch nicht als Journalist auf beruflicher Tour. Was habe ich also bekommen? Wieder ein Leben?

Ich sehe, bei jedem TREES of MEMORY, was es mit den Menschen macht, wenn sie die kleine Schachtel, gefüllt mit Erinnerungen, Gedanken, Geschenken zusammen mit dem Baum in die Erde legen können. Ich erlebe, wie die Tränen laufen, wie die Stimme versagt und wie trotzdem die Augen leuchten. „Ich bin so glücklich, dass ich auf dem Tisch tanzen könnte“, sagte Uli, die nach 18 Jahren endlich Gelegenheit hatte, Abschied zu nehmen. Ich spüre die Wärme der Umarmungen und die Herzlichkeit von Seelen, die viel zu lange, in der Trauer verhaftet, auf Gräber starrten und jetzt im Vorbeigehen, den Baum liebevoll streicheln.

Selbst mein Ex richtete nach 10 Jahren das erste, öffentliche Wort an mich und bescheinigte mir, dass es wirklich eine schöne Idee sei mit den Bäumen. Natürlich musste er hinterherschieben, dass ich ein Arsch sei, jeder Verein besser wäre als der meinige und überhaupt, bräuchte mich kein Mensch dafür, kann ja jeder besser. Und was passiert? Ich kann nicht loslassen und frage mich, wie die Hässlichkeit einer Seele es schaffen kann, mich immer noch zur Weißglut zu bringen und den bösen Hund in mir weckt, der zornig knurrend durch den Wald rennt? Es gab doch einen Grund, weshalb ich ging. Loslassen, loslassen, atmen, atmen….

Und dann ist da der Dalai Lama mit seiner Weisheit und ich frage mich, was geschieht denn, wenn ich loslasse, was bösartige Geister von schlichtem Gemüt über mich sagen? Und nach vielen hundert Atemeinheiten wird mir klar, dass nicht nur ich es bin, der loslassen muss.

Das Weitergehen ist immer schmerzlich und hart, denn der Schmerz, die Trauer, die Wut, der Kummer oder das Verletztsein bleiben lange Zeit haften und lösen sich nur langsam auf. Aber wer daran festhält, was niemals sein kann, wird einen noch schädigenderen und schwierigeren Weg gehen, der niemals in die emotionale Freiheit führt. Jeder bösartige und weltfremde Gedanke, jede Beschimpfung, jede Schuldzuweisung, jede Verunglimpfung, jeder Was-wäre-wenn-Gedanke und jedes falsche Schuldgefühl wird sich, wie eine Eisenkugel an die Fusskette schmieden, die ein weitergehen irgendwann nicht mehr möglich macht.

Der Tibeter Dilgo Khyentse Rinpoche bringt es auf den Punkt: „Leid ist Schmerz an dem wir Festhalten“. Und das gilt auch für die Gedanken. Halte ich an Ihnen fest, füttere ich den zornigen Hund und lasse ihn an seiner Kette Stunde um Stunde im Kreis gehen. Wut, Frust und Verzweiflung machen sich breit, und führen zu weiterem seelischen Leid, das zu nichts weiter als neuem Schmerz wird.

Ich habe in den vergangenen Monaten und Wochen sehr viel gelernt. Auch über den Schmerz. Und ich werde mich nicht mehr an die Begebenheiten erinnern, die schmerzhaft waren, die zu einer Trennung führten, die das Ausmaß der Krankheit Depression verdeutlichen, den Verrat bebildern oder die eigene Liebe töteten. Wenn es einsetzt, was ich natürlich nicht verhindern kann, dann denke ich sofort an einen schönen Moment mit dem Menschen, der mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert und mich schmunzeln lässt. Das Schöne wird immer über das Hässliche siegen, so wie nur die Liebe und das Glück, immer über Wut und Zorn siegen kann. Denn nur in der Vergebung liegt die Kraft und die einzige Möglichkeit, das eigene Herz und die Seele dauerhaft von den Ketten der Vergangenheit zu befreien. Vergebung ermöglicht eine Umarmung, ein Lächeln, ein würdevolles und respektvolles miteinander umgehen, einen Frieden, der einen wieder schlafen lässt und die liebevolle Erinnerung an Menschen, die uns so schmerzhaft verlassen haben. Und wer es braucht: Vergebung hat auch mit Stärke und Größe zu tun. Vergebung ist am Ende immer nichts weiter als das erweiterte Loslassen.

Es gibt Menschen, so wie der zeitgenössische Autor Deepak Chopra, der keine zwei Seiten benötigt, um es auf den Punkt zu bringen. Aber die vielen Kilometer und die vielen Begegnungen weisen mir denselben Weg und ich bin unfassbar glücklich, dass ich mein Erleben im Loslassen weitergeben darf und auf magische Weise, mit den Bäumen der Erinnerung weitergeben kann. Das ist mehr als nur ein Geschenk des Universums, des Lebens des… wem auch immer. Jedenfalls sagt der Inder:

„Wenn Du etwas loslässt, bist Du etwas glücklicher.

Wenn Du viel loslässt, bist Du viel glücklicher.

Wenn Du ganz loslässt, bist Du frei.“

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