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Wenn du jemanden liebst, der leidet, erinnere dich daran: Es ist nicht deine Aufgabe, sie oder ihn zu retten.




Es gibt Momente im Leben, die dich auf eine Weise erschüttern, die du nicht für möglich gehalten hast. Es ist wie ein Erdbeben, das alles, was du für sicher gehalten hast, in Schutt und Asche legt. Mein Erdbeben war Jose. Er war meine große Liebe, mein Zuhause, meine Zukunft – und dann war er nichts davon mehr.

Es begann schleichend, wie ein Schatten, der sich immer weiter über unsere Tage legte. Zuerst waren es nur kleine Dinge. Er zog sich zurück, verlor das Interesse an den Dingen, die ihn früher glücklich gemacht hatten. Aber wer achtet schon auf die ersten Risse, wenn die Fassade noch halbwegs intakt ist? Ich nicht. Ich dachte, es sei nur eine Phase, etwas, das vorübergehen würde. Doch es ging nicht vorüber. Es wurde schlimmer.

Jose kämpfte nicht nur gegen seine Dämonen, sondern auch gegen jeden, der ihm helfen wollte. Er war Meister im Verstecken, ein Künstler des Verdrängens. "Ach, Schatz, so alt will ich gar nicht werden", sagte er einmal mit einem Lachen, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war kein Witz, das wusste ich tief in mir. Aber ich verdrängte es genauso wie er. Denn was tut man, wenn der Mensch, den man liebt, sich selbst nicht mehr liebt?

Ich erinnere mich an den Abend, an dem alles zum ersten Mal eskalierte. Er saß auf dem Sofa, den Blick leer, und ich spürte, wie die Stille zwischen uns wuchs, wie eine unsichtbare Mauer. "Warum machst du keine Therapie?", fragte ich zum hundertsten Mal, obwohl ich die Antwort längst kannte. "Weil es nichts bringt", sagte er, seine Stimme kalt wie Stein. "Weil ich nicht ändern kann, wer ich bin. Weil ich nicht will."

Ich wollte ihn anschreien, ihn schütteln, ihn dazu zwingen, zu sehen, was ich sah: einen Mann, der wertvoll war, der geliebt wurde, der eine Zukunft hatte. Aber Depressionen sind keine logischen Gegner. Sie hören nicht auf Vernunft, sie verhandeln nicht. Sie sind ein schwarzes Loch, das alles verschlingt, was du hineinwirfst – Liebe, Hoffnung, Geduld.

Am Ende bleibt nur die Hilflosigkeit.

Ich tat alles, was ich konnte. Ich recherchierte Therapien, sprach mit Ärzten, gab ihm meine eigenen Psychotherapiestunden. Ich war wütend auf ihn, weil er nicht kämpfte, und hasste mich selbst dafür. Aber wie kämpfst du für jemanden, der den Kampf längst aufgegeben hat? Wie liebst du jemanden, der sich selbst nicht mehr sehen kann?

Als Jose starb, war es, als hätte jemand ein Stück meiner Seele herausgerissen. Ich fühlte mich wie ein Versager. Ich hätte ihn retten sollen, dachte ich. Ich hätte ihn zwingen sollen, zu leben. Aber in den dunklen Nächten, in denen ich allein mit meiner Schuld lag, wurde mir klar, dass ich nicht die Macht hatte, ihn zu retten. Niemand hat diese Macht.

Depressionen und Suizidalität sind keine Schwächen, keine Charakterfehler. Sie sind Krankheiten, die die Seele auffressen, leise und gnadenlos. Und für die Angehörigen ist es eine Qual, zuzusehen, wie jemand, den man liebt, in diesem Strudel versinkt.

Was ich gelernt habe, ist, dass Unterstützung nicht bedeutet, jemanden zu heilen. Es bedeutet, da zu sein. Es bedeutet, zuzuhören, ohne zu urteilen. Es bedeutet, die Hand zu halten, auch wenn man das Gefühl hat, sie wird jeden Moment loslassen. Und manchmal bedeutet es, loszulassen – nicht, weil man es will, sondern weil man muss.

Rumi sagte: "Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht eintritt." Ich glaube, dass das stimmt. Joses Tod war eine Wunde, die ich nie ganz heilen werde. Aber durch diese Wunde habe ich gelernt, dass wir die Dunkelheit nicht alleine bekämpfen müssen. Es gibt immer Hoffnung, auch wenn sie wie ein winziger Funke erscheint.

Wenn du jemanden liebst, der leidet, erinnere dich daran: Es ist nicht deine Aufgabe, sie zu retten. Es ist deine Aufgabe, diesen Menschen zu lieben, ihm Mut zu machen, weiterzumachen, und zu akzeptieren, dass der Weg zur Heilung ihrer ist, nicht deiner. Und vergiss nicht, dich selbst zu schützen. Du kannst niemandem helfen, wenn du selbst zerbrichst.

Das Leben ist ein zerbrechliches Ding. Aber es ist auch wunderschön, selbst in den Momenten, in denen die Dunkelheit alles zu verschlingen scheint. Und manchmal reicht ein Atemzug, ein einziger Schritt, um den Weg zurück ins Licht zu finden.



 
 
 

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