Rubrik: Hilfe nach Suizid / Ketamin und Psychedelika in der Suizidprävention – Ein Hoffnungsschimmer für Hinterbliebene
- Mario Dieringer
- 18. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Ein Suizid hinterlässt eine Wunde, die sich nicht mit Worten schließen lässt. Wer jemanden verliert, besonders auf diese Weise, bleibt oft mit mehr als nur Trauer zurück. Es ist ein Gemisch aus Schuld, Verzweiflung, unaufhörlichen Fragen. Und oft kommt ein Gedanke, der schleichend, fast unbemerkt, ins eigene System kriecht: Wenn er es nicht geschafft hat, was hält mich noch hier?
Hinterbliebene von Suizid sind selbst hoch suizidgefährdet. Der Schmerz, die Isolation, die psychische Erschöpfung – all das kann den Boden unter den Füßen wegziehen. Herkömmliche Therapien helfen, ja. Aber manchmal fühlen sie sich an wie Tropfen auf einen glühend heißen Stein. Antidepressiva brauchen Wochen, manchmal Monate, um zu wirken. Und dann gibt es noch jene, bei denen sie gar nicht anschlagen.
Doch die Forschung zeigt: Es gibt neue Wege. Radikale, kontroverse, aber vielversprechende Ansätze. Ketamin und Psychedelika.
Wie Ketamin Leben rettet
Ketamin war lange nur als Narkosemittel bekannt. In Clubs wurde es als Droge missbraucht. Heute aber ist es eines der spannendsten Medikamente in der Suizidprävention.
Denn Ketamin wirkt anders als klassische Antidepressiva. Es wirkt sofort. Innerhalb weniger Stunden, manchmal sogar Minuten, durchbricht es die tiefste Dunkelheit.
Während herkömmliche Antidepressiva auf das Serotoninsystem einwirken, setzt Ketamin direkt am Glutamatsystem an – der Hauptschaltzentrale für neuronale Kommunikation. Es öffnet neue Wege im Gehirn, ermöglicht Heilung dort, wo alles erstarrt war.
Studien zeigen, dass eine einzige Dosis Suizidgedanken drastisch reduzieren kann.
Es kann selbst bei schwersten, therapieresistenten Depressionen wirken.
Es hilft, emotionale Distanz zum eigenen Leid zu schaffen – für viele ein erster, rettender Moment der Klarheit.
Für Hinterbliebene, die in einer Spirale aus Schuld und Selbstzerstörung gefangen sind, kann Ketamin eine Art Notbremse sein. Ein Mittel, das ihnen hilft, einen Schritt zurückzutreten, durchzuatmen und zu erkennen: Ich bin noch hier. Und es gibt eine Möglichkeit, dass es anders wird.
Psychedelika: Eine neue Tür in die Heilung
Ketamin ist nicht das Einzige, was gerade erforscht wird. Psychedelische Substanzen wie Psilocybin (aus „Magic Mushrooms“) oder MDMA zeigen ebenfalls revolutionäre Effekte – besonders in der Traumatherapie.
Während Ketamin vor allem akut gegen Suizidgedanken hilft, scheinen Psychedelika langfristige Veränderungen zu ermöglichen.
Psilocybin kann tiefsitzende Depressionen und existentielle Verzweiflung lindern.
MDMA erleichtert die Verarbeitung von Trauma, löst emotionale Blockaden.
Beide Substanzen fördern neuronale Plastizität – sie helfen dem Gehirn, sich neu zu organisieren.
Eine kontrollierte psychedelische Therapie kann für Hinterbliebene bedeuten:
Die Schuld aus einer neuen Perspektive sehen.
Sich mit der verstorbenen Person auf einer symbolischen Ebene versöhnen.
Wieder Zugang zu positiven Erinnerungen finden, die vom Trauma überdeckt wurden.
Viele Menschen berichten, dass eine einzige gut begleitete psychedelische Erfahrung das Gefühl von Verbindung zurückgebracht hat – zu sich selbst, zum Leben.
Was sagt die Forschung?
Eine Studie aus Yale fand heraus, dass Ketamin nicht nur schnell wirkt, sondern auch langfristig das Selbstmordrisiko senken kann.
Johns Hopkins University erforscht seit Jahren Psilocybin und berichtet von tiefgreifenden, positiven Veränderungen bei Menschen mit Depressionen und Angststörungen.
MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies) untersucht MDMA-unterstützte Therapie für posttraumatische Belastungsstörungen – mit beeindruckenden Erfolgen.
Es gibt Nebenwirkungen, ja. Diese Substanzen sind nicht für jeden geeignet. Aber für viele sind sie das, was herkömmliche Medikamente nicht sein konnten: Ein Ausweg. Ein neuer Anfang.
Was bedeutet das für Hinterbliebene?
Es bedeutet, dass es Hoffnung gibt – selbst dann, wenn sich alles verloren anfühlt.
Für viele Suizid-Hinterbliebene bleibt nach dem Verlust eine Art seelisches Gefängnis. Ketamin oder Psychedelika sind keine Wundermittel, aber sie können eine Tür aufstoßen. Eine Tür zu einem anderen Blick auf das eigene Leben.
Doch sie müssen richtig eingesetzt werden - ein Besuch im Berghain und der Dealer auf dem Klo sind keine gute Idee!
Nur unter professioneller Begleitung. Ketamin wird bereits in spezialisierten Kliniken als Infusionstherapie angeboten. Psychedelika sind in Deutschland noch nicht legal, aber in vielen Ländern gibt es geführte, therapeutische Sitzungen.
Nicht als Flucht, sondern als Konfrontation. Psychedelika holen Verdrängtes an die Oberfläche – sie müssen mit therapeutischer Unterstützung verarbeitet werden.
Als Ergänzung, nicht als alleinige Lösung. Diese Substanzen können den Weg ebnen, aber die Heilung passiert in den Schritten danach.
Fazit: Ein neuer Weg durch die Dunkelheit
Die Forschung ist noch jung, aber das Potenzial ist enorm.
Für Hinterbliebene, die in einer lähmenden Trauer stecken, kann Ketamin oder eine psychedelische Therapie genau das sein, was sie brauchen, um wieder Bewegung in ihr Leben zu bringen. Um sich aus der Starre zu lösen. Um einen neuen Blick auf das Geschehene zu finden.
Nicht als Flucht. Nicht als Betäubung. Sondern als Einladung, das eigene Überleben zu begreifen – und ihm einen neuen Sinn zu geben.
Denn genau darum geht es am Ende: Nicht nur zu überleben, sondern wieder zu fühlen, dass das Leben lebenswert sein kann.
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