Rubrik: Hilfe nach Suizid / Die Leere nach einem Suizid – Wenn nichts mehr einen Sinn ergibt
- Mario Dieringer
- 1. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt eine Art von Schmerz, die nicht schreit. Keine Tränen, keine Wutanfälle, keine Panikattacken. Nur Stille. Eine Stille, die nicht tröstet, sondern verschluckt. Eine, die in den Knochen sitzt, in der Brust, in den Tagen, die sich anfühlen, als wären sie aus Nebel gemacht.
Viele, die jemanden durch Suizid verlieren, kennen genau dieses Gefühl. Es ist keine klassische Trauer, kein Schmerz, den man greifen kann. Es ist etwas Tieferes. Eine existenzielle Leere, die sich langsam ausbreitet, bis sie alles verschlingt, was vorher Halt gab.
Nichts hat mehr Bedeutung. Nicht der Morgenkaffee, nicht die Arbeit, nicht die Gespräche mit anderen. Die Welt läuft weiter, als wäre nichts passiert – und doch ist alles sinnlos.
Das ist es, was Suizid mit den Hinterbliebenen macht. Er nimmt nicht nur einen Menschen, er nimmt oft auch den Sinn. Und genau das macht ihn so gefährlich.
Warum die Sinnlosigkeit so zerstörerisch ist
Der Mensch kann viel ertragen. Schmerz, Verlust, Wut, Angst. All das sind Emotionen, die durchlebt werden, die sich in Wellen bewegen, die irgendwann abflachen.
Aber Sinnlosigkeit?
Sinnlosigkeit ist eine Leere, die nicht wehtut, sondern einfach nur verschlingt. Sie nimmt den Antrieb, die Motivation, die Verbindung zur Welt. Sie ist der Zustand, in dem Menschen aufhören, für sich selbst zu sorgen. In dem Essen zur Pflicht wird, Gespräche zur Anstrengung, das Leben zur Last.
Und genau hier liegt die größte Gefahr für Hinterbliebene: Viele von ihnen rutschen selbst in suizidale Gedanken, nicht aus impulsiver Verzweiflung, sondern aus dieser zermürbenden Sinnlosigkeit.
„Warum weitermachen, wenn nichts mehr Bedeutung hat?“„Wenn jemand, den ich geliebt habe, keinen Sinn mehr gesehen hat – warum sollte ich?“„Vielleicht wäre es leichter, einfach nicht mehr zu sein.“
Das sind keine Fragen, die laut ausgesprochen werden. Sie nisten sich ein, leise, unsichtbar, wie eine Krankheit, die sich langsam ausbreitet.
Wie man die Leere überwindet
Es gibt keinen einfachen Weg, keine Formel, die den Sinn zurückbringt. Aber es gibt Möglichkeiten, ihn neu zu erschaffen.
1. Der alte Sinn ist vielleicht weg – aber ein neuer kann entstehen
Viele Hinterbliebene suchen verzweifelt nach dem, was ihnen früher Halt gegeben hat. Doch oft kommt der alte Sinn nicht zurück. Die Welt bleibt verändert, die eigene Identität bricht auseinander. Das Schlimmste, was man tun kann, ist, zu erwarten, dass alles wieder so wird wie vorher.
Die Wahrheit ist: Es wird nie mehr so sein wie vorher. Aber das heißt nicht, dass es für immer sinnlos bleibt.
2. Handlungen vor Bedeutung setzen
Wer in der Sinnlosigkeit steckt, wartet oft auf das Gefühl, dass etwas wieder wichtig wird. Aber dieses Gefühl kommt nicht von allein.
Der Trick ist: Erst handeln, dann fühlen.
Rausgehen, auch wenn es sich sinnlos anfühlt.
Mit Menschen sprechen, auch wenn es keine Freude macht.
Kreativ sein, auch wenn alles leer bleibt.
Mit der Zeit beginnt das Gehirn, neue Verbindungen zu knüpfen. Bedeutung entsteht oft erst durch Bewegung – nicht umgekehrt.
3. Der Sinn kann klein sein
Viele glauben, dass Sinn etwas Großes sein muss. Eine Mission, eine Lebensaufgabe. Doch für viele Hinterbliebene beginnt er im Kleinen:
Ein Haustier, das gefüttert werden muss.
Ein Spaziergang, der Struktur gibt.
Ein Ehrenamt, das hilft, sich gebraucht zu fühlen.
Manchmal reicht es, einen kleinen Moment zu finden, in dem etwas sich nicht leer anfühlt. Diese Momente sind der Anfang.
4. Verbindung suchen – auch wenn es schwerfällt
Sinn entsteht oft durch andere Menschen. Doch viele Hinterbliebene ziehen sich zurück. Die Welt fühlt sich falsch an, als würde man nicht mehr dazugehören. Doch genau hier liegt der Schlüssel: Man muss sich selbst wieder in Verbindung bringen.
Selbsthilfegruppen für Suizidhinterbliebene
Gespräche mit Therapeuten oder Seelsorgern
Langsame, vorsichtige Begegnungen mit alten oder neuen Menschen
Es ist nicht leicht. Aber Isolation verstärkt die Sinnlosigkeit. Verbindung ist der einzige Ausweg.
5. Den Tod in das Leben integrieren
Viele versuchen, den Verlust hinter sich zu lassen, weiterzumachen, ohne darüber zu sprechen. Doch Suizid hinterlässt eine Narbe. Und sie wird nicht verschwinden.
Heilung bedeutet nicht, zu vergessen. Es bedeutet, eine Form zu finden, den Verstorbenen in das Leben mitzunehmen.
Briefe schreiben
Rituale schaffen
Kunst oder Musik als Ausdruck nutzen
Sich engagieren, um anderen zu helfen
Der Schmerz kann zu etwas werden, das eine Richtung gibt, statt nur eine Leere zu hinterlassen.
Fazit: Die Sinnlosigkeit ist nicht das Ende
Nach einem Suizid bricht oft alles zusammen. Doch es gibt Wege, die Leere zu durchqueren. Nicht mit schnellen Lösungen, nicht mit oberflächlichem Trost – sondern mit kleinen Schritten zurück ins Leben.
Sinn ist nichts, das gefunden wird. Er ist etwas, das entsteht. Und manchmal beginnt er genau dort, wo alles zerbrochen scheint.
Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen.
Aber irgendwann. Wenn dich dieser Beitrag berührt hat oder du jemanden kennst, der mit einem Verlust zu kämpfen hat, dann teile ihn, kommentiere und schreibe mir deine Gedanken oder speichere ihn für später. Manchmal kann genau diese eine Nachricht den Unterschied machen – für dich oder für jemanden, der sie dringend braucht. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen: Niemand muss diese Last allein tragen. 💙 #DuBistNichtAllein #hilfefürsuizid
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