Was in der Zeit vor Joses Tod geschah und weshalb ich keinen anderen Ausweg mehr sah ...

Aktualisiert: Juni 7



Weil es immer wieder Menschen gibt, die auf der Basis von deutlich zu wenig Informationen zur Vorgeschichte von Jose und mir, öffentlich Interpretationen und Schuldzuweisungen tätigen, hier eine grobe Zusammenfassung der tatsächlichen Ereignisse, in den Tagen und Wochen vor seinem Suizid.


Was mir immer wieder vorgeworfen wird, ist die Tatsache, dass ich nach Berlin gefahren bin, um Party zu machen. Es wird so dargestellt, als dass Jose sich in Lebensgefahr befunden hat und ich entschieden habe, ihn schutzlos zurückzulassen, um feiern zu gehen. Nachfolgend meine Perspektive.


.... In den zweieinhalb Jahren in denen ich mit Jose zusammen war, glich fast jeder Tag einer emotionalen Achterbahn, weil es frühzeitig deutlich war, dass er unter Depressionen litt. Die Dramatik und das Ausmaß seiner Depressionen, war mir sehr schnell klar, weil ich selbst unter starken Depressionen gelitten hatte und bereits einen Suizidversuch unternommen hatte. Ich wusste, was auf ihn und mich zukommen würde, wenn er sich nicht behandeln lässt.


Eine adäquate Behandlung wurde von Jose konsequent abgelehnt. Ich habe ihm zwei Therapeuten besorgt, die ihn aufgrund der Dringlichkeit angenommen hatten. Das ging zum Teil nur deshalb, weil ich meine eigenen Therapiestunden für Jose geopfert habe und mitunter wochenlang, ohne eigene Behandlung war. In dieser Monaten habe ich mehrfach Brandbriefe an die Therapeuten geschrieben, weil ich wusste, dass sich das Blatt schneller wenden wird, als wir schauen können. Nachdem die Therapeuten Jose mit meinen Briefen konfrontiert haben, war am Abend zu Hause die Hölle los. Wieder und wieder hörte ich von Jose nichts anderes, als dass ich ihn „am Arsch lecken“ könnte und ich nicht ständig so einen Bohai machen soll. Er hätte schon seit er 16 Jahre alt ist Suizidgedanken und bis dahin sei immer alles gut gegangen. Gleichzeitig hat er aber auch davon erzählt, dass er sich in seiner Exbeziehung, zwei Mal in einem Oberitalienischen See versucht hat zu ertränken und mitten in der Nacht von der Rettung aus dem Wasser gezogen wurde. Das alles blieb folgenlos und er lebte einfach sein Leben weiter. Was ich fast jede Woche, drei mal zu hören bekam war der Satz: Ach weißt Du Schatz, so alt will ich doch gar nicht werden.“ Die Therapeuten, beide bestätigten mir in sehr vielen Telefonaten, dass Jose in den Therapiestunden immer wieder die selben Geschichten erzählt hat und nichts darauf hingedeutet hätte, dass die Gefahr bestand, dass er sich was antun würde. Nach jeder Sitzung kam Jose abends nach Hause und hat sich köstlich darüber amüsiert, wenn man ihm in der Sitzung sagte, dass er ja immer nur dieselbe Leier raushaut.


Irgendwann schaffte ich es, dass Jose wiederum zu meinem Psychiater und Neurologen ging, indem ich ihm meine Stunde geschenkt habe und er Medikamente bekommen hat. Die haben nach wenigen Wochen extrem gut angeschlagen und Jose, war wie verwandelt. Er konnte schlafen, er war glücklich, wir hatten die schönste Zeit unserer Beziehung. Das äußerte er auch seiner Mutter gegenüber. Ich stand daneben. Bis zu dem Tag, als er das erste Mal alle Medikamente von jetzt auf gleich abgesetzt hat. Seine Begründung: „Ich habe keinen Bock mehr Pillen zu nehmen und schon gar nicht, mein gesamtes Leben lang.“ In den 6 Monaten vor seinem Tod, hat er diese Pillen drei Mal abgesetzt und mit jedem Mal, ging der Fahrstuhl seiner Psyche zehn Etagen tiefer in die Hölle. Er war sich dieser Gefahr von Anfang an bewusst. Ich habe seinem Arzt deshalb ebenfalls einen Brief zukommen lassen. Und trotzdem, er tat es wieder und wieder, obwohl es ihm besser mit den Pillen ging. Mein Flehen, mein Betteln, mein Heulen, meine Drohungen, egal was, wurden nicht wahrgenommen. Sein Verhalten mir gegenüber wurde mit jedem Mal mental gesehen gewalttätiger bei gleichzeitigem Ausleben von: „Ist mir egal“.


In diesen Monaten hat Jose mehrfach damit gedroht sich das Leben zu nehmen. Einmal, nachdem ich mich ohne ihn im Sportstudio angemeldet habe. Er rastete total aus. Wir wohnten nie zusammen und sein Kumpel machte sich ebenso große Sorgen wie ich auch. Deshalb habe ich die Polizei geholt. Drei Mal, in 6 Monaten. Jedes Mal, wenn die Beamten zu ihm nach Hause gefahren sind, präsentierte er sich als Sonnenschein und hat auf meine Krankengeschichte verwiesen und den Beamten gesagt, dass ich mich lediglich an ihm rächen wollte, wegen irgendwelcher Beziehungsstreitigkeiten.


Am Donnerstag vor Ostern, war ich mit einem Freund zum essen verabredet. Zwei Wochen zuvor hatten Jose und ich die letzte große Auseinandersetzung wegen seiner Depressionen. Ich sagte ihm, dass ich das alles nicht mehr aushalte und nicht mehr mittragen kann, weil er in den Tod rennt und es ihm scheißegal ist. Alles was ich unternehme, jede Hilfeleistung, jede therapeutische Maßnahme wurde von ihm unterwandert und sabotiert. Er weigerte sich strikt, in eine Klinik zu gehen. Ich konnte das nicht mehr mittragen, weil ich selbst zwischenzeitlich fast vor die Hunde gegangen bin und nur noch heulend in der Therapie saß. Ich liebte diesen Mann mehr als jeden anderen zuvor. Es war so schlimm, dass ich einen Platz in der Tagesklinik beantragt habe, auf den ich monatelang warten musste. Als ich den Platz schließlich bekommen habe, wurde ich von Jose extrem unter Druck gesetzt, weil ich ja dann wieder kein Geld verdienen würde, Freiberufler sei und und und. Deshalb habe ich es am Ende des Tages sein lassen und bin nicht in die Klinik.


Aber eines Tages war einfach Schluss mit lustig. Ich konnte nicht mehr. Deshalb hatte ich ihm gesagt, dass ich unsere Beziehung hiermit beende, weil ich ein Recht darauf habe, ein glückliches Leben zu führen. Wir waren keine 30 Jahre zusammen, sondern 2,5 Jahre und mit Ausnahme von ungefähr fünf Monaten, war jeder einzelne Tag von Angst und psychologischen Auseinandersetzungen geprägt. Ich wurde dabei auch von meinen Therapeuten unterstützt, der für gewisse Zeit auch der Therapeut von Jose war.


Ich frage jeden einzelnen, der mich öffentlich angreift und alles besser weiß: Wie kann man sich verhalten, wenn der Partner kein Interesse daran zeigt, seinen Zustand zu verbessern, und man deshalb selbst krank wird? Sagt mir verdammt noch mal wie? Man kann einen erwachsenen mündigen Mann nicht einfach einweisen lassen und als Freund schon gar nicht.


Am Donnerstag vor Ostern, nachdem ich die letzten Tage kaum noch von ihm hörte, außer, dass er nicht in die Klinik geht und ich ihn am Arsch lecken könnte, ist er widerrechtlich in meine Wohnung eingedrungen, während ich in einem Restaurant saß. Als ich nach Hause gekommen bin, hatte er eine Flasche Wein getrunken gehabt und sich die Hälfte meiner Antidepressiva in den Mund gestopft gehabt, auf denen er rumkaute und wieder ausspuckte. Er hinderte mich mit körperlicher Gewalt daran, den Notarzt zu rufen und es gelang mir nicht, ihm den Autoschlüssel zu entwenden. Er rannte aus dem Haus, ich folgte ihm und leider war ich nicht schneller am Auto. Also stellte ich mich vor sein Auto, um ihn am Wegfahren zu hindern. Jose hat Gas gegeben und mich auf die Motorhaube genommen. Anschließend raste er mit Höchstgeschwindigkeit durch das Wohngebiet auf und davon. Ich habe direkt die Polizei angerufen. Zum vierten Mal in unserer gemeinsamen Geschichte. Ich schilderte die Geschichte, ich wollte Anzeige wegen Körperverletzung erstatten, damit er meinetwegen verhaftet wird, Hauptsache er ist sicher. Die Polizei hat mich ab Telefon abgebügelt und meinte: „Herr Dieringer, wir waren drei Mal bei ihrem Lebensgefährten und jedes Mal ging es ihm gut. Er hat auch jedes Mal darauf hingewiesen, dass Sie psychische Probleme haben und ich zwei Jahre zuvor versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Dass das stimmt, können wir unseren Aufzeichnungen entnehmen ... „ Das Ende vom Lied war, dass man mich wissen ließ, ich solle mich um mich selbst kümmern.


Unmittelbar danach habe ich etliche Notrufe über Facebook abgesetzt. Die Freunde, die in der Stadt unterwegs waren, haben das gesehen und haben sich sofort auf die Suche nach ihm gemacht. Schließlich wurde er Stunden später in einer Kneipe von meinem Freund D. gefunden, der ihn schließlich nach Hause brachte. Die beiden haben sich ewig unterhalten und Jose verweigerte ihm den Zutritt zur Wohnung, versprach aber zum Frühstück zu kommen. D. tat was er konnte und wir beide haben in Folge auch telefoniert. Auch ihn fragte ich, was ich tun solle. „Es wird schon gehen, er machte nicht den Eindruck, als ob man ihn bewachen müsste..“ (sinngemäß). Jose ging in seine Wohnung und verließ diese einige Stunden später wieder.


In der Zwischenzeit habe ich mit Joses Kumpel telefoniert. Ich war total hilflos und wusste nicht was ich tun sollte. Jose reagierte auf keine meiner Anrufe, ich wusste nicht wo er ist. Die Polizei kam nicht. Er schickte mir aber laufend zum Teil beleidigende SMS-Nachrichten. Meine Fahrt nach Berlin war schon seit Wochen gebucht, weil ich jedes Jahr an Ostern nach Berlin fuhr. Ich hatte nur noch das Gefühl, raus aus der Stadt zu müssen, um nicht komplett durchzudrehen. Dieser Kumpel sagte zu mir, dass ich nach Berlin fahren soll, er würde sich um ihn kümmern. "Ich pass schon auf". Dieser Kumpel hat mir übrigens sechs Monate nach Joses Tod eine Mail geschickt, die mit den Worten „Du Mörder“ begann. Aber das ist eine andere Geschichte.


Morgens um sechs Uhr klingelte es Sturm bei mir. Ich schreckte aus dem Schlaf und dachte, dass nun endlich und trotz allem die Polizei da wäre. Das war nicht der Fall. Jose stand vor der Tür, schob mich zur Seite und drängte sich in meine Wohnung. Als ich ihm sagte, dass ich die Polizei gerufen hatte, ist er komplett ausgerastet. Ich musste um 7.30 Uhr zur Arbeit. Wieder und wieder habe ich versucht ihn zu beknien in das Krankenhaus zu gehen. „Kannst Du denn nicht sehen, wie es um Dich steht“. Fragte ich ihn wieder und wieder. Ich sagte ihm, dass ich das alles nicht mehr aushalte und einfach nicht mehr kann und deshalb nach der Arbeit direkt nach Berlin fahren würde. Ich würde aber am Montag zurückkommen und er soll die vier Tage nutzen, darüber nachzudenken, wie wir es machen könnten. „Aber wenn Du nicht in die Klinik geht, dann wirst Du eines Tages tot sein“, habe ich ihm gesagt. Das Letzte, was er sagte war, dass er darüber nachdenken würde, und dann verließ er das Haus. Das war das letzte Mal, als ich ihn sah.

Am Abend, auf meinem Weg nach Berlin, nachdem ich den ganzen Tag nichts gehört hatte und glaubte, er würde endlich zur Vernunft kommen, bis zu meiner Ankunft bei meinen Freunden in Berlin, bekam ich im Minutentakt SMS-Nachrichten mit den Beschimpfungen und allem möglichen absonderlichen Zeug. Ich telefonierte mit ihm, aber es machte gar keinen Sinn. Ich bat ihn, dass er sich selbst und mir Raum geben soll, damit wir einen klaren Kopf bekommen könnten. Ich telefonierte nochmals mit Freunden und und nachdem das alles nicht mehr nützte, er mich weiterhin terrorisiert hat, habe ich mein Handy ausgeschalten.


Zwischenzeitlich bombardierte Jose unseren halben Freundeskreis mit Anrufen und Nachrichten. Zwei meiner Freunde, D. und B. standen mit ihm im Minutentakt im Kontakt und haben immer wieder mit ihm gesprochen. Einer von Ihnen war zu derzeit in den USA und hat die ganze Nacht mit schreiben zugebracht. Der andere wohnte gerade mal 1000 Meter weg und hat hunderte von Nachrichten mit ihm ausgetauscht und ihm immer wieder angeboten, ihn ins Krankenhaus zu fahren. Die letzte Nachricht war, dass Jose schrieb „... morgen fahre ich mit Dir ins Krankenhaus, aber jetzt gehe ich erst mal schlafen.„


Irgendwann fuhr Jose auch noch 80 km zu seinem Exfreund, bei dem er über viele Stunden geblieben ist und von dessen Wohnung aus, zahlreiche Nachrichten an mich geschickt wurden. Dann fuhr er wieder nach Hause. Zwischenzeitlich gab es noch mehr Menschen, die sich Sorgen machten. Ein Freund von Jose ist zu ihm gefahren und wurde von Jose, trotz allem Drängen, weggeschickt. Ein anderer Freund, der von meinen Freunden alarmiert wurde, sagte er könnte jetzt nicht zu Jose fahren, weil er auf einer Geburtstagsfeier war.


Es gab wirklich viele Menschen, die sich rund um die Uhr mit Jose auseinandersetzten und jeder von ihnen bot ihm Hilfe an und wollten ihn in die Klinik bringen. Jose hat sich geweigert, so wie er sich 2,5 Jahre lang geweigert hat. Es gab ein Netzwerk, das immer für ihn da war, zumal ich seit zwei Jahren davor warnte. An Ostern tat jeder Beteiligte, was er konnte und manche gingen weit über Ihre eigenen Grenzen hinaus.


Was dann passiert ist und wann genau, das weiß niemand. Jedenfalls war irgendwann nichts mehr von Jose zu hören. Er tauchte nicht zum Frühstück auf und reagierte auch nicht mehr auf Nachrichten und die Frage, wann man ihn abholen kann, um ins Krankhaus zu fahren. Schließlich hat sein Ex-Freund die Polizei alarmiert und die Eltern und alle zusammen sind dann zu seiner Wohnung gefahren, wo er tot aufgefunden wurde.


Der Rest der Geschichte ist bekannt.


Sagt mir, ihr Ankläger:

Was hätte ich tun sollen, nachdem ich 2,5 Jahre versucht habe sein Leben zu retten und er 2,5 Jahre lang mich wissen ließ, dass ich mich zum Teufel scheren soll?

Gebt allen Betroffenen einen Rat, der andere Leben retten könnte.

Ich habe bis zu diesem Moment, in dem ich letztendlich selbst zusammenbrach, Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Jose zu helfen.

Ich hatte die Wahl. Ich konnte daran zugrunde gehen, weil man einem Menschen der keine Hilfe annehmen will, nicht helfen kann oder ich gehe und lebe mein Leben.


Berlin sollte mir Kraft geben, um am Ostermontag nochmals mit allen Geschützen die ich auffahren konnte deutlich zu machen, dass er sofort Hilfe braucht. Es sollte ihm aber auch deutlich machen, dass es mir bitterernst ist. Dafür brauchte ich einen klaren Kopf, den ich beim Tanzen bekomme.


In Zukunft werde ich mich nie wieder zu den Vorgängen in diesen letzten Stunden äußern. Wer mich anklagen will, soll das tun. Ich habe meinen Frieden gefunden und ich muss mit der Tatsache leben, den letzten Tropfen in ein Fass gefüllt zu haben, das über 30 Jahre hinweg von einer fiesen Krankheit, namens Depression gefüllt wurde. Möchtet Ihr tauschen und für den Rest Eures Lebens damit beschäftigt zu sein, Euch zu fragen, ob es ein Fehler war und welche Möglichkeit es gegeben hätte, ihm zu helfen? Nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu wissen, ob der Mann, den man so geliebt hat, alt geworden wäre oder ob die Krankheit ihn zu einem anderen Zeitpunkt dann doch geholt hätte. Ich tausche gerne dieses Schicksal ein...


Ihr wisst es besser und habt eine Lösung? Dann beschimpft und verurteilt mich nicht, sondern nutzt die Energie und gründet eine Organisation. Helft den Menschen, die sich selber nicht helfen lassen wollen oder das schon nicht mehr können. Ich lerne gerne von Euch, wenn ich dadurch in Zukunft auch nur ein einziges Leben retten kann.



9fc1764a531e470a978af6732f9e8a49



125 Ansichten