Rubrik: Prävention / Warum sich manche Menschen zurückziehen, obwohl sie eigentlich Hilfe wollen – Die Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz bei Suizidalität
- Mario Dieringer
- 11. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es ist eine der größten Herausforderungen für Angehörige und Freunde: Jemand, der offensichtlich leidet, zieht sich immer weiter zurück – gerade dann, wenn er am meisten Unterstützung bräuchte.
Nachrichten bleiben unbeantwortet. Verabredungen werden abgesagt. Gespräche enden in einem knappen „Mir geht’s gut.“ Und doch gibt es Momente, in denen dieselbe Person durchblicken lässt, dass sie sich verloren fühlt. Es ist, als ob sie einerseits gerettet werden möchte – und sich gleichzeitig vor der Rettung fürchtet.
Warum ist das so? Und wie kann man jemanden begleiten, der sich selbst nicht helfen kann?
1. Nähe und Distanz – Warum Suizidalität widersprüchlich sein kann
Menschen, die mit Suizidgedanken kämpfen, befinden sich oft in einem inneren Konflikt. Sie wünschen sich Nähe, aber fürchten sie gleichzeitig.
1.1. Der Schutzmechanismus des Rückzugs
🔹 „Wenn mich niemand sieht, kann mich auch niemand verletzen.“
🔹 „Wenn ich mich isoliere, kann ich niemanden enttäuschen.“
🔹 „Wenn ich allein bin, kann ich endlich in Ruhe nachdenken.“
Viele Betroffene ziehen sich zurück, weil sie sich selbst als Belastung empfinden. Sie glauben, dass sie anderen den Schmerz ersparen, wenn sie niemanden an sich heranlassen. Isolation wird so zur vermeintlichen Lösung – obwohl sie die Situation oft nur verschlimmert.
💡 Realität:
Rückzug fühlt sich sicher an, aber er verstärkt das Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Menschen, die sich distanzieren, sehnen sich oft insgeheim nach Nähe – aber sie wissen nicht, wie sie sie zulassen können.
1.2. Die Angst vor Unverständnis und Zurückweisung
🔹 „Was, wenn ich es erzähle und niemand versteht mich?“
🔹 „Was, wenn sie sagen, ich soll mich nicht so anstellen?“
🔹 „Was, wenn ich am Ende noch mehr allein bin als vorher?“
Viele Betroffene haben bereits negative Erfahrungen mit dem Teilen ihrer Gefühle gemacht. Vielleicht wurden ihre Ängste abgetan, vielleicht haben sie Ablehnung erlebt.
💡 Realität:
Wenn jemand sich zurückzieht, bedeutet das nicht, dass er keine Hilfe will – es bedeutet, dass er Angst vor der Reaktion hat.
Manchmal ist Schweigen ein Test: „Bleibt jemand trotzdem da, auch wenn ich nichts sage?“
1.3. Die Erschöpfung durch emotionale Nähe
🔹 „Ich habe keine Energie, um mich zu erklären.“
🔹 „Ich will keine langen Gespräche – ich will einfach nur, dass der Schmerz aufhört.“
🔹 „Manchmal ist es leichter, so zu tun, als wäre alles okay.“
Depressionen und Suizidgedanken rauben Kraft. Selbst ein Gespräch kann anstrengend sein – weil es bedeutet, sich mit dem eigenen Schmerz auseinanderzusetzen. Manche Menschen meiden Nähe nicht, weil sie sie nicht wollen, sondern weil sie nicht wissen, wie sie sie ertragen sollen.
💡 Realität:
Nicht jeder Rückzug ist eine Ablehnung – oft ist es ein Zeichen tiefer Erschöpfung.
Einfache, kurze Gesten sind manchmal hilfreicher als lange Gespräche.
2. Wie man helfen kann, ohne zu überfordern
Wenn jemand sich zurückzieht, gibt es keine einfache Lösung. Aber es gibt Wege, um Unterstützung zu zeigen – ohne die Person weiter zu isolieren.
2.1. Bleiben – ohne zu drängen
✅ Was helfen kann:
Regelmäßige, kurze Nachrichten senden – ohne Erwartung einer Antwort.
Zeigen, dass man da ist, auch wenn die Person sich nicht meldet.
Auf Rückzug nicht mit Vorwürfen reagieren („Du meldest dich nie.“), sondern mit Verständnis („Ich bin da, wenn du mich brauchst.“).
💡 Warum das hilft: Es gibt Menschen, die Nähe brauchen – aber erst, wenn sie bereit sind. Beständigkeit gibt Sicherheit.
2.2. Keine perfekten Worte – nur ehrliche Präsenz
✅ Was helfen kann:
Statt „Wie geht’s dir?“ lieber sagen: „Ich weiß, dass es gerade schwer ist. Ich denke an dich.“
Statt Ratschlägen einfach zuhören.
Statt zu versuchen, alles „richtig“ zu machen, einfach ehrlich sein: „Ich weiß nicht genau, was ich sagen soll, aber ich bin hier.“
💡 Warum das hilft: Viele Menschen ziehen sich zurück, weil sie Angst vor falschen Reaktionen haben. Einfache, ehrliche Worte können diese Barriere abbauen.
2.3. Kleine, greifbare Gesten der Unterstützung
✅ Was helfen kann:
Eine Playlist oder einen Film empfehlen, anstatt nach Gefühlen zu fragen.
Essen vorbeibringen oder eine kleine Geste machen – ohne große Erklärung.
Gemeinsam schweigen dürfen, ohne dass es unangenehm ist.
💡 Warum das hilft: Manchmal ist praktische Hilfe leichter anzunehmen als emotionale Gespräche.
2.4. Geduld haben – und die Hoffnung bewahren
✅ Was helfen kann:
Nicht erwarten, dass jemand sofort auf Hilfe reagiert.
Verständnis zeigen, auch wenn die Person sich mehrfach zurückzieht.
Die Tür offenlassen – immer wieder.
💡 Warum das hilft: Viele Menschen kommen erst dann zurück, wenn sie wissen, dass sie es dürfen – ohne Druck, ohne Schuldgefühle.
Fazit: Wer sich zurückzieht, braucht oft genau das Gegenteil – aber auf eine behutsame Weise
🔹 Rückzug ist kein Zeichen, dass jemand keine Hilfe will – sondern dass er nicht weiß, wie er sie annehmen soll.
🔹 Angst, Scham und Erschöpfung können dazu führen, dass Betroffene sich selbst isolieren.
🔹 Geduld, kleine Gesten und bedingungslose Präsenz sind oft hilfreicher als große Worte.
🔹 Niemand kann eine andere Person retten – aber man kann ihr zeigen, dass sie nicht allein ist.
💡 Wenn jemand dir nahesteht, der sich zurückzieht: Bleib. Bleib, auch wenn du nicht sicher bist, was du tun sollst. Bleib, ohne zu fordern, ohne zu urteilen. Denn manchmal ist das Wichtigste nicht, was du sagst – sondern dass du da bist.
Wenn dich dieser Beitrag berührt hat oder du jemanden kennst, der mit Depressionen, Ängsten oder Suizidalität zu kämpfen hat, dann teile ihn, kommentiere und schreibe mir deine Gedanken oder speichere ihn für später. Manchmal kann genau diese eine Nachricht den Unterschied machen – für dich oder für jemanden, der sie dringend braucht. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen: Niemand muss diese Last allein tragen. Folge mir gerne für mehr Infos zum Thema Prävention und bitte hilf durch dein Liken, Teilen und Kommentieren die Menschen zu finden, denen dieser Artikel helfen könnte. 💙 #DuBistNichtAllein #hilfefürsuizid #prävention #depressionen #angst #suizidalität #hilfezurselbsthilfe




Kommentare