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Depressionen & Suizidprävention: Kann ein Tier wirklich retten, was der Mensch zerstört hat?



Können Haustiere in der Suizidprävention helfen?
Tyrion - ein Hund wandert um die Welt

Diese Frage stellte ich mir an einem der zahlreichen "dunkelsten" Tage meines Lebens, als ich im Bett lag und hoffte, dass der Schmerz endlich enden würde, egal wie. Es war nicht der Mensch, der mich damals zurückholte oder aufhielt. Es war mein Hund Tyrion, der sich neben mich legte und seinen Kopf auf meiner Brust platzierte, genau an dem Punkt, wo es am meisten wehtat. Er wusste nicht, dass ich am Ende war, aber er wusste, dass ich da war. Und Tyrion wollte, dass ich bleibe. 

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie ein Tier in den Momenten, in denen alles zerbricht, so viel bewirken kann. Es ist nicht so, dass sie sprechen können oder dir die Welt erklären. Es ist ihre schlichte, bedingungslose Anwesenheit. Eine, die nichts fordert und nichts bewertet. Für Menschen wie mich, die in ihrer dunkelsten Stunde gefangen sind, kann diese Art von Verbindung lebensrettend sein. Es ist kein Zufall, dass immer mehr Studien zeigen, wie Haustiere in der Suizidprävention helfen können. Tiere, so scheint es, sind die stillen Helden in einem Krieg, den viele von uns tagtäglich kämpfen und genau so viele verlieren. Depression, Hoffnungslosigkeit, Suizidalität, die alles verzehrende Leere. Ein Tier wird nie fragen, warum du traurig bist, es wird nicht versuchen, dich mit einem billigen Ratschlag zu „motivieren“. Es wird einfach da sein. Und manchmal ist das genau das, was man braucht – jemanden, der da ist, wenn man selbst kaum mehr da sein will.

Als ich Tyrion damals fand – oder er mich – war ich noch immer ein seelisches ein Wrack auf einem Weg um die Welt, von dem ich nicht wusste, ob er gut oder schlecht sein wird und wie weit ich jemals kommen würde. Nach dem Suizid meines Partners hatte ich niemanden mehr. Mein Leben war oft eine endlose Abfolge von vordergründig schlechten Entscheidungen und noch schlechteren Konsequenzen. Ich wollte keinen Hund mehr. Ich wollte nichts und niemanden. Aber er wurde mir einfach ohne mein Zutun geliefert und weigerte sich zu gehen. Ich wollte ihn auch nicht mehr gehen lassen. Es war, als hätte er entschieden, dass ich seine Verantwortung war. Und in einer Welt, in der ich oft keinen Wert mehr sah, gab er mir einen: Er brauchte mich. Und ich begann, ihn zu brauchen.

Was macht ein Haustier so besonders in der Suizidprävention? Es ist die Kombination aus Verantwortung und Einfachheit. Ein Hund, der morgens an deinem Bett steht und mit dem Schwanz wedelt, weil er raus muss, interessiert sich nicht dafür, ob du letzte Nacht geweint hast oder ob du denkst, dass dein Leben keinen Sinn mehr hat. Er braucht dich. Und er gibt dir einen Grund, aufzustehen. Ein Grund, der nicht kompliziert ist oder aufgeladen mit Erwartungen. Es ist schlicht und einfach: Füttere mich. Geh mit mir spazieren. Sei da. Das klingt banal, aber es ist genau diese Banalität, die einen oft rettet. Depression und Suizidalität sind wie ein schwarzes Loch, das alles verschlingt – deine Energie, deine Gedanken, dein Selbst. Aber ein Tier kann dich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es holt dich zurück in den Moment, weil es keine andere Wahl lässt. Du kannst nicht sterben, wenn dein Hund auf dich wartet, um gefüttert zu werden. Du kannst nicht einfach verschwinden, wenn deine Katze auf deinem Schoß einschläft und zufrieden schnurrt.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich wirklich dachte, ich könnte nicht mehr. Ich saß auf dem Boden meiner Küche, die Hände im Gesicht, und ich hatte diese Gedanken, die so leise und gleichzeitig so laut sind: „Es wird nie besser. Es hat keinen Sinn.“ Und dann war da Tyrion. Er kam einfach zu mir, legte seine Pfote auf mein Knie und sah mich an. Kein Mitleid, keine Forderung. Nur dieses stille: „Ich bin hier.“ Man könnte meinen, das wäre nichts Besonderes. Aber in diesem Moment war es alles. Es war das Seil, an das ich mich klammern konnte, als ich dachte, ich würde ertrinken. Es hat mich nicht aus dem Wasser gezogen und es hat mich über Wasser gehalten, bis ich wieder atmen konnte. Und das ist der Punkt: Ein Tier wird dich nicht heilen. Es wird die Narben nicht wegzaubern oder die Dunkelheit vertreiben. Aber es wird dich begleiten. Und manchmal ist das alles, was man braucht, um weiterzumachen.

Ich habe oft darüber nachgedacht, warum Tiere uns so berühren können, wo Menschen es oft nicht schaffen. Vielleicht, weil Tiere keine Masken tragen. Sie lügen nicht, sie manipulieren nicht. Sie sind einfach sie selbst – ehrlich und echt, in einer Weise, die die meisten von uns verlernt haben. Ein Hund wird dich lieben, auch wenn du denkst, dass du nicht liebenswert bist. Eine Katze wird dich brauchen, auch wenn du dich selbst für nutzlos hältst. Diese bedingungslose Akzeptanz ist ein Gegenmittel zu dem toxischen Selbsthass, der so viele von uns in den Abgrund zieht. Tiere sehen nicht die Fehler, die wir in uns sehen. Sie sehen nur den Menschen, der sie füttert, der mit ihnen spielt, der für sie da ist. Und das kann uns helfen, uns selbst wieder ein Stück weit zu sehen – nicht durch die Linse unserer Fehler, sondern durch die Linse ihrer Liebe.

Heute, Jahre später, ist Tyrion selbstverständlich immer noch bei mir. Wir sind meist 24 Stunden am Tag zusammen und nur selten für wenige Stunden getrennt. Er ist älter, etwas langsamer, aber er hat immer noch diesen Blick, der mich daran erinnert, dass ich gebraucht werde. Ich habe gelernt, dass Heilung kein gerader Weg ist. Es gibt Tage, an denen ich stark bin, und Tage, an denen ich immer noch kämpfe, auch wenn diese äußerst selten geworden sind. Aber ich kämpfe jeden Tag, damit das so bleibt. Und ein Teil dieses Kampfes gehört Tyrion. Er hat mich gerettet, als niemand sonst es konnte. Und dafür bin ich ihm mehr dankbar, als Worte es jemals ausdrücken könnten. 

Wenn du jemanden kennst, der kämpft, oder wenn du selbst kämpfst, denk darüber nach, ein Tier in dein Leben zu lassen. Es wird nicht alles lösen, es wird die Welt nicht plötzlich in ein Paradies verwandeln. Aber es wird dir zeigen, dass du nicht allein bist. Und manchmal ist das alles, was es braucht, um den nächsten Tag zu schaffen. Denn letztendlich geht es darum, weiterzumachen. Nicht perfekt, nicht ohne Schmerzen. Wie oft höre ich: "Nein, diese Verantwortung kann ich nicht übernehmen" oder "Ich hätte dem Hund niemals gerecht werden können". Alles nachvollziehbar, aber manchmal ist die beste Medizin nicht dein "Ich kann nicht", sondern das "du musst", weil jemand auf dich angewiesen ist. Aber wenn weder deine eigenen Kinder, noch ein Haustier deine Symptome der Todessehnsucht wegzaubern können, dann gehörst du in eine Klinik und nicht auf den Friedhof. 

Tiere können uns daran erinnern, dass selbst in den dunkelsten Momenten noch ein kleines Stück Licht existiert. Manchmal in der Form einer kleinen Katze, eines erbärmlich haarenden Hundes, eines stinkenden Frettchens, einem lästigen Hamster oder dem stillen Fisch die sich allesamt weigern, dich loszulassen.

 
 
 

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