Rede Kirche Coburg

11/03/2018

 

Wissen Sie noch welches Gefühl sie hatten, als Sie ihre Ehefrau, Ihren Partner, die beste Freundin oder ihren Kumpel oder ihren Vater das erste Mal in den Arm genommen haben?

 

Als ich meinen späteren Partner Jürgen im Oktober 2014 kennenlernen durfte, überraschte er mich bei unserer ersten innigen Umarmung mit einem Gefühl, das meine Welt komplett aus den Angeln hob. Etwas das ich nicht kannte und das ich nie erlebt habe.

Stillstand von Raum und Zeit. 

 

Wann immer wir uns in tiefer und inniger Umarmung begrüßten oder Abschied voneinander nahmen, blieb für mich, für einen Augenblick der Unendlichkeit lang, die Welt und die Zeit stehen. Als ob jemand einen Knopf drücken würde, der alles zum Stillstand brachte. Eine unfassbar tiefe Stille erzeugte eine Atmosphäre die mir jede Angst nahm und die mir einen Frieden schenkte von dem ich nicht glaubte, dass er existieren könnte. Es fühlte sich an, als ob meine eigene Seele den Atem anhalten würde. Ein Geschenk, das sich jeden Tag aufs Neue wiederholen würde. 689 Tage lang. Mindestens zweimal am Tag freute ich mich auf diesen Moment und war jedes Mal von tiefster Dankbarkeit erfüllt, soetwas erleben zu dürfeen.

Raum, Zeit und die gesamte die Welt sind auch stehen geblieben, als ich von seinem Tod erfuhr. Ebenfalls über ein Augenblick der Unendlichkeit hinweg, voller Kälte und erbarmungsloser Stille. Beendet durch mein Schreien. Schreie unfassbaren Schmerzes die bis zum Ende aller Tage durch Raum und Zeit gleiten werden. Irgendwann brüllte ich in grenzenloser Wut. Zunächst galt mein verzweifelter Zorn Jürgen und dann Gott. Gott, der nicht da war, der sich nicht blicken ließ, der sich einen Dreck für mich interessiert hat und am allerschlimmsten, Gott der sich weigerte Jürgen beizustehen und ihn nicht retten wollte. Gott, wo warst du?

„Über allem steht die bedingungslose Liebe“ sagst Du. Aber wie soll ich Dich lieben, wenn Du so voller Grausamkeit bist?

 

Mein Schreien und mein Brüllen verwandelte sich in unermesslichen Hass, der die Leere meines Lebens auffüllte und meine Gedanken bestimmte.


Hass, weil er mich 2014, als ich mit über 120 Schlaftabletten mein Leben beenden wollte,  gerettet hat. Jürgen hatte damals auf dem Weg in den Urlaub, 120 km entfernt, plötzlich ein ungutes Gefühl, dreht um und fand mich buchstäblich mit dem letzten Herzschlag im Sterben liegend vor. Als ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hatte mein Herz bereits mehrfach aufgehört zu schlagen. Warum soll ich leben und Jürgen nicht?

Meine hasserfüllten Gedanken erfüllten meinen Geist, mein Leben, das keines mehr war und veränderten meine Welt und erzeugten noch mehr Hass. Der Hass manifestierte sich in Worten und in Taten. Ich bekam Emails, die mich als Mörder beschimpften. Freunde, Familie und Bekannte hoffen, dass ich mit meiner Schuld leben werde, bis ans Ende meiner Tage. Menschen die ich liebte verschwanden wortlos aus meinem Leben. Die Stille um mich rum als Anklage. Ich hätte mich mit Jürgen nicht streiten dürfen – nicht so.

 

Gleiches zieht Gleiches an, Hass erzeugt Hass, Angst erzeugt Angst.


Gott - der Feind in meinem Kopf. Die Angst und die Schwärze der Gegenwart nahmen mir die Zukunft und wieder sollten es ein paar Pillen richten. Aber dieses Mal hatte ich Angst. Angst vor dem was den Menschen wiederfahren würden, die mich liebten. Drei Mal stopfte ich mir wieder eine Handvoll Pillen in den Mund, drei mal spuckte ich aus und ich schrie und heulte mich in den Schlaf, weiteren schwarzen Tagen entgegen.

 

Wut, Hass und Tränen bestimmten monatelang mein Leben und meine Angst wuchs von Tag zu Tag. Sie lähmte mich, weil ich spürte, wie eng Ursache und Wirkung miteinander verbunden waren. Jeder Gedanke und jeder jedes Gefühl führt zu einer Tat und jede Tat ist eine Ursache, die eine Wirkung hat. Mein Zorn auf Gott wurde zur Wut auf Jürgen, Wut auf Pseudofreunde und letztendlich Wut auf mich.

 

Wut, weil ich Schuld hatte. Unser Streit, den meine Angst vor seiner Krankheit ausgelöst hat, hat Jürgen in den Tod getrieben. Ich habe als letzter in dieses Fass gepinkelt und dieser Tropfen hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Es hat lange gedauert bis ich annehmen konnte, dass ich dieses Fass nicht gefüllt habe.

 

Jeder von uns ist Schöpfer, Träger und auch Überwinder seines eigenen Schicksals. Wir begehen keine Sünden, wir tragen keine Schuld und sind nicht Opfer des Zufalls.  Wir tragen jedoch die Verantwortung für das, was unsere Gedanken, Gefühle und Taten in unserem eigenen Leben auslösen werden.

 

Wie oben, so unten, wie unten, so auch oben. Wie innen so auch außen, wie außen und so auch innen. So wie ich mich innerlich fühle, so erlebe ich die Außenwelt und umgekehrt. Und nur wenn ich mich verändere, so verändert sich auch alles um mich herum.

 

Wenn dem nicht so wäre, dann würde ich heute nicht hier stehen und sie alle nicht hier sitzen. Den das was mein Leben verändert hat, Trees of Memory, änderte plötzlich, von einem Tag auf den anderen, mein Dasein und die Gefühle und die Gedanken, die mir entgegen gebracht wurden. Menschen aus aller Welt haben mir geschrieben und von ihren traumatischen und zutiefst verstörenden Erlebnissen berichtet. Manchmal saß ich stundenlang vor dem Rechner und weinte, weil alles was ich lesen musste so schlimm war. Und dann begann ich einfach darauf zu antworten und versuchte meinen Gedanken und Gefühlen einfach ihren Raum zu geben. Zu Beginn diesen Jahres, nachdem ich meine Neujahrswünsche verschickt habe, bekam ich an einem einzigen Tag gleich zwei Mal die Rückmeldung: Ich bin so froh Dich kennengelernt zu haben und Du bist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.

 

Jemand der diese Nachricht an mich schrieb ist auch heute hier. Ich kann nicht in Worte fassen, was jede einzelne dieser Rückmeldungen für mich bedeutet und wie viel Licht ihr damit in mein Leben gezaubert hast. Nach den vielen Monaten des dunklen Hasses und meiner Wut auf die Welt und vor allem meiner Wut auf Gott, änderte sich damit alles. Plötzlich nehmen mich Menschen bei der Hand und unterstützen mich. Nicht weil mein Hass sie vor mir hertreibt, sondern weil sie spüren wie ernst es mir damit ist, dieses Licht der Hoffnung den Menschen zukommen zu lassen, die wie ich jemanden verloren haben, der aus ihrem Leben nicht wegzudenken war. Ich danke Euch allen von ganzen Herzen dafür und bin davon überwältigt, dass ihr ein wenig von dem spürt, was ich spüre und ihr das Licht weitertragen wollt, als ich es jemals alleine vermocht und für möglich gehalten hätte.

 

Mit Trees of Memory, möchte ich den Menschen gedenken, die wir geliebt haben. Ich möchte mit jedem einzelnen Baum ein Andenken an ihre Beziehung und Freundschaft pflanzen,  das wachsen darf, so wie einst die Liebe gewachsen ist.


Das daraus entstehende Band, einmal um die Erde, gesäumt von den Bäumen der Erinnerung soll an die Hinterbliebenen erinnern und darauf hinweisen, wie unendlich viel Kraft es uns jeden Tag kostet einfach weiterzumachen. Weiterzumachen mit einem Schmerzen im Herzen und einem Verlust im Geiste, der nie wieder von uns weichen wird und bleibt, bis wir selbst gehen.

Doch die große Aufgabe von Trees of Memory ist es, mein Ziel ist es, ein Licht jenen zu senden, die wie ich damals, in vollkommener Dunkelheit sitzen, vom Schmerz, vom Leid, von der Perspektivlosigkeit und den eigenen zermürbenden Gedanken gezeichnet und geplagt. Unser aller Leben ist wie ein ewig andauernder Pendelschlag nach rechts und links. Wer an sich an einem Punkt festkrallt wird zerbrechen, weil er den Ausgleich des Lebens nie erfahren wird.  Der Fluss des Lebens richtet sich nach Harmonie aus und wir alle sind nur ein Tropfen im Meer, das mal hier hin und mal dahin fließt. Das Stärkere bestimmt das Schwächere und gleicht es an und ich will versuchen mit diesem Projekt ein wenig Stärke zu vermitteln und weiterzugeben. Leben ist gegenseitiger Austausch, immerwährende Bewegung. Geben und Nehmen sind Aspekte die uns alle beeinflussen. Im Kleinen wie im Großen, Innen wie Außen, Oben wie unten.  Indem wir geben was wir suchen öffnen wir Möglichkeiten Tür und Tor, die wir bisher nicht gesehen haben und stolpern in Perspektiven, von denen wir nicht ahnten, dass es sie gibt.

Man muss sich nur trauen und ich hoffe sehr, dass man sich auch trauen kann bevor man alles verloren hat im Leben und bevor man das Gefühl hat, dass nur der Tod Erlösung oder Besserung bringen könnte.

 

Meine Wut, mein Schmerz, meine Angst, meine Verzweiflung sind in weiten Teilen fort. Ich schreie nicht mehr, ich brülle nicht mehr und ich klage den mir unbekannten und fernen Gott nicht mehr an.

 

Ich frage mich noch immer wo Gott war, wo Gott ist, ob es ihn wirklich gibt und warum er das alles zugelassen hat.  Warum er mir den Menschen genommen hat, der mit einer einzigen Umarmung die Welt hat stillstehen lassen können und den ich so sehr geliebt habe. Ja, auf dieses Warum habe ich noch keine Antwort und ich fürchte, ich werde sie auch nicht bekommen.


Wenn ich jedoch sehe, was passiert, wenn die Verzweiflung das Leben bestimmt und wie sehr sich alles geändert hat,  


Wenn ich die vielen Nachrichten aus aller Welt im Internet sehe, wenn ich mir ansehe, dass Menschen in 12 Ländern bereits Bäume bestellt haben, wenn ich mir ansehe, dass so viele Menschen mich in Worten und Taten unterstützen, ja es sogar einen Verein Trees of Memory e.V. gibt wenn ich Sie alle hier sitzen sehe und das in so unfassbar großer Anzahl, wenn ich mich sehe, der so unbedeutend ist und nie was großes, besonderes, nachhaltiges zustande gebracht hat, mich selbst im hier und jetzt betrachte, einer der schwul ist und trotzdem in einer Kirche stehen darf und sagen darf, dass ich Dich Jürgen von ganzen Herzen geliebt habe und du mir so schmerzhaft fehlst und sehe welch monströse Aufgabe ich mit Trees of Memory umsetzen darf, dann habe ich so ein klein wenig das Gefühl, das Gott doch da und ich ihn nur zu klein bin um ihn zu verstehen.

 

Ich danke von ganzem Herzen dafür, dass ich wieder leben darf, dass ich das alles machen darf, allen die daran beteiligt waren dies hier zu ermöglichen.


Bitte helfen Sie mit Betroffenen, Angehörigen, Freunden und vielleicht auch Menschen die sie nicht kennen, mit ihrem Glauben, ihrer Energie, alleine oder über uns, trotz Trauer, Verlust, trotz Krankheit und Depression eine Perspektive zu schaffen, für die es sich lohnt zu kämpfen und damit auch zu leben.

 

Ich danke Ihnen von ganzen Herzen. 

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