Rede zur Baumpflanzung in Plauen

14/10/2019

 

 

Folge Dir selbst, höre auf Deine Wünsche und Deine Sehnsüchte, mache einzig und allein Dein Ding und setze um, was Du als Einziger fühlst, sage ich wieder und wieder. Dann funktioniert es. Dann werden die Depressionen weniger. Dann werden die Suizidgedanken weniger. Dann wird der Stress weniger. Dann kommst Du zur Ruhe. Dann freust Du Dich, weil Du machst was Du magst. Das wird einen neuen Menschen aus Dir machen.

 

Davon spreche ich ständig. Davon bin ich überzeugt. Das hat mir geholfen.
Und jetzt stehe ich da und weiß gar nicht, wie diese Worte ankommen? Haben Sie noch Bestand? Welche Wahrheit steckt denn dahinter? Ist es meine Wahrheit oder eine, die auf mehrere Menschen zutreffen kann? Kann ich wirklich jemanden berühren, anstecken… kann ich helfen? Irgendwie? Wenigstens ein klein wenig?

 

Ich zweifle deshalb, weil sich Viktor Staudt, einer der in vorderster Front gegen Suizidalität gekämpft hat, einer der sich das Leben nehmen wollte, überlebt hat, als er sich vor den Zug warf und beide Beine verlor. Er glücklich war, dass er als halber Mann nochmals davon gekommen ist, wie er in Frankfurt erzählt hat, auch wenn dieses Glück erst viel später kam. Sein Suizidversuch hat ihm das Leben gerettet, sagte er. Und jetzt, rund 20 Jahre danach, 20 Jahre in denen Viktor Vorträge auf aller Welt gehalten hat, zwei Jahrzehnte in denen sein Grundoptimismus, sein Lachen und seine Fröhlichkeit viele Tausend Menschen begeistert hat, steht all das im leeren Raum. Er war ein Mann der greifbar machen konnte, was so oft nicht zu greifen ist. Er war ein Kerl, dessen Stimme jetzt nicht mehr zu hören sein wird. „Viktor hat es leider nicht geschafft“ – war die Nachricht. Viktor hat sich vor wenigen Wochen das Leben genommen.

 

Und hier stehe ich nun. Ich sehe die jungen Menschen vor mir, denen dieser Baum, den wir jetzt gleich pflanzen, gewidmet ist. Ich spüre die Verzweiflung von Jakob, der eine Woche vor seinem 20ten Geburtstag sein Leben beendet hat. Ich sehe Sebastian vor mir, der sein schwarz-weiß-Leben trotz Krankheit liebte und sich mehr und mehr zurückzog. Und ich sehe Rolf und Annemarie, die auch ihr Leben aus dem Nichts heraus beendet haben ….. und ……

 

Ja, was kommt nach diesem „Und“ das eine so brutale Leere zurück lässt. Ein „Und“, das brüllend schweigt, ein „Und“ das Fragen aufwirft, ein „Und“ das vielleicht auch Vorwürfe aufkommen lässt. Ein „Und“, dessen Lebenswille uns Hinterbliebenen nach einer gewissen Zeit wieder nach Luft schnappen lässt. Wie Ertrinkende, die endlich wieder an die Oberfläche kommt, saugen wir die Luft ein. Es brennt, es schmerzt, es tut weh und heulend atmen wir ein, was uns am Leben erhält, obwohl wir uns noch immer mehr tot als lebendig fühlen. Obwohl wir ohne diejenigen, die wir verloren haben nicht weiter machen wollen – manchmal nicht weiter machen können.

Warum schreit es in uns?  
Das Echo dieses Schreies wird von jedem Planeten in unserem Sonnensystem zurück geworfen und bricht sich Millionenfach. Ein „Warum“ das gleich einem zerborstenem Spiegel zurück kommt und uns tausendfach durchbohrt.

Warum Jakob?
Warum Sebastian?
Warum Rolf?
Warum Annemarie?
Warum Viktor?

 

Es wird keine Antwort auf diese Frage geben. Es wird auch keine Schuld zugewiesen, denn Verantwortung trägt niemand für eine Krankheit, die kommt, so wie tausend andere Krankheiten ebenfalls einfach so und grundlos plötzlich auftauchen. Auch nach einer Krebserkrankung und ihren schrecklichen Folgen schreien wir laut unser anklagendes „Warum“ gen Himmel. Wir fragen uns ständig „Warum“ und stellen den Schöpfer vor Gericht. Es ist nicht zu verstehen, was so ungerecht und so unnötig ist.

 

Und deshalb stehen wir heute auch hier. Nicht um anzuklagen. Nicht um laut ein „Warum“ hinaus zu schreien. Wir stehen hier, weil wir wissen und fühlen, dass wir alles erdenklich Mögliche getan haben. Wir haben unser Bestes gegeben und konnten nicht wissen, dass das Beste nicht gut genug sein würde.

 

Mit dieser Erkenntnis zu leben ist nicht einfach. Es ist aber das Einzige, das uns ein Weiterleben und eine erfüllte Zukunft  überhaupt ermöglicht. Es ist die Akzeptanz des Inakzeptablen. Mit einem Suizid hast Du lebenslänglich bekommen, sagte mir mal eine Mutter. Und ja es stimmt. Ein Suizid hinterlässt Spuren. Tiefe Spuren, tief eingebrannt in unserer Seele.

 

Wir stehen hier, weil Jakob, Sebastian, Rolf und Annemarie mehr als ihre Todesart sind. Sie waren Eure Kinder, Freunde, Partner und Geschwister. Allesamt Menschen, die noch immer Euer Herz erwärmen, wenn ihr an sie denkt. Sie können Euch noch immer ein Lachen ins Gesicht zaubern. Sie schaffen es noch immer das Gefühl der Liebe aufrecht zu erhalten. Wir können noch immer die Gesichter derer sehen, die gehen mussten. Wir hören das Lachen und sehen das Blitzen der Augen, wenn sie sich freuen. Wir erinnern uns an Weihnachten, an Umarmungen, an Freude, an Tränen, an Streits, das erste Mal auf den Beinen gehend, das erste Mal Mama gesagt – und vieles mehr.

 

Und wir erinnern uns heute an Euch und die vielen Angehörigen, die heute nicht gekommen sind. Wir erinnern uns an jene, die trauern, die leiden, die vermissen und die nach wie vor lieben. Wir erinnern uns an Menschen, die stigmatisiert wurden und denen Ungerechtigkeit entgegen gebracht wurde, in Zeiten wo sie eigentlich nur noch Trost und Umarmung gebraucht hätten. Wir erinnern uns an das Unverständnis der Gesellschaft und die anklagenden Schuldzuweisungen, die vielleicht auch ihr erfahren habt.

 

Wir erinnern uns an die Medien, die aus Opfern einer Krankheit Mörder machen. Die „Selbstmörder“ kriminalisieren und Angehörige stigmatisieren. Was ist ein Mord? Ein Mord ist gekennzeichnet durch die Heimtücke und die niederen Beweggründe in denen ein argloses Opfer grausam ermordet wird. Ein Suizid ist kein Mord.

 

Wir erinnern uns an Angehörige, Freunde und Bekannte, die uns vorwerfen, dass die Gespräche mit der Presse nur deshalb stattfinden, weil wir mediengeil sind. Sie erkennen nicht, dass wir nur dann etwas verändern können, wenn wir öffentlich darüber sprechen, was Hinterbliebenen und Menschen mit Suizidgedanken widerfährt.

 

Wir erinnern uns an diejenigen, die nach wie vor den Suizid in der Familie totschweigen. Die sich schämen. Denen es peinlich ist. Die die Opfer verurteilen. Mit diesem Verhalten macht ihr es einem depressiven Menschen, der plötzlich unter Suizidgedanken leidet, unmöglich um Hilfe zu bitten.

 

Ihr glaubt vielleicht an manchen Tagen keine Luft zu bekommen und es gibt Momente, in denen ihr ganz schwach seid, euch hilflos fühlt.  Vielleicht gibt es auch immer wieder Momente, in denen ihr am liebsten aufgeben möchtet, nur um dem Vater, dem Ehemann, dem Sohn oder dem Bruder und der Schwester wieder  nah zu sein. Man fühlt sich so oft, als ob man durch den Tag geschleudert wird. Auch ich spüre die unterschiedlichsten Gefühle, die jeder von uns, der einen Menschen verloren hat, ebenfalls mit großer Mächtigkeit spürt. Manche von ihnen sind dauerhaft da. Dazu zählt der Schmerz des Verlustes. Dazu zählt die Trauer. Und dann gibt es auch noch die Wut, die ziemlich unregelmäßig immer wieder mal aufflammt. Es dauert, bis die Abstände zwischen diesen Emotionen größer werden – manchmal haben wir auch Sorge, dass es nie aufhören wird und wir niemals mehr einen normalen Alltag haben werden.

 

Auch ich spüre diese Gefühle und die Wut gehört ganz sicher ab und an dazu. Immer mal wieder drängt sie sich zurück an die Oberfläche und wischt jeden rationalen Gedanken beiseite. Und trotzdem, dass ich weiß, wie es ist, wenn das eigene Gehirn plötzlich einen Schlussstrich zieht und Du am Ende tot im Bett liegst, kommt das brüllende „Warum“ wieder hervor und klagt an. Mein Freund Jürgen hätte doch warten können, bis ich zurück bin. Bis sich alles geklärt hat. Oder in den letzten Wochen: Warum nur Viktor? Wie konntest Du nur?  Was sollen wir paar Wenige, die sich öffentlich der Suizidalität entgegen stellen jetzt noch sagen?

 

Und wenn ich in mich hinein fühle, wenn ich darüber nachdenke, höre und spüre ich Gedanken wie: Gib nicht auf, mach weiter, nimm nicht alles für selbstverständlich. Wer an Depressionen erkrankt ist und sich davon geheilt fühlt muss achtsam sein. Darf sein Leben nicht einfach so unverändert weiter leben und im selben Chaos neu durchstarten. Pass auf Dich auf.

Und ja, auch ich fühle mich wie ein ehemaliger Alkoholkranker oder Junkie. Ich spüre ständig dass mein „Dingens“ wie ich es nenne zwischenzeitlich weg ist. Aber es ist nicht vorbei. Es lauert im Hintergrund und ab und an wacht es auf. In Krisen, in Ängsten, in unberechenbaren Lebensabschnitten, wenn ich wieder mal am Zweifeln bin, wenn Menschen meine Schwächen als Waffen gegen mich gebrauchen und mich absichtlich triggern. Dann kommt es hervor gekrochen und bietet mir auf einem Silbertablett den letzten Ausweg an. Und dann schreie ich es jedes Mal an, dass es wohl nicht alle Latten am Zaun hat. Und dann mache ich wieder weiter – achtsamer als zuvor. Viel achtsamer und ich bleibe dauerhaft alarmiert.

 

Bleib dran. Tu was Dir gut tut. Tu, was Du für richtig hältst. Tu es unter allen Umständen, dann wird es gehen. Schau auf die letzten Jahre. Schau auf Tree of Memory. Schau was es mit so vielen Menschen gemacht hat. Schau, was Du wieder und wieder erreicht hast. Das ging nur, weil Du achtsam warst und bereit warst Konsequenzen zu ziehen. Bleib dran, mach weiter. Es ist gut. Es ist der richtige Weg.

 

Und trotzdem fragen wir von Zeit zu Zeit nach dem „Warum“.  Wir alle trauern und wir lieben und die Trauer schreibt diesen lauten Liebesbrief. Wir wollen wieder in Kontakt kommen, wir wollen in Kontakt bleiben. Wir haben Angst, dass wir vergessen könnten, wen wir geliebt haben.

Die gute Nachricht ist, dass dies nicht geschehen wird. Wir können niemals vergessen, was Teil von uns war. Wer könnte schon die Liebe seines Lebens oder das Elternteil oder das Kind vergessen. Das wird nicht geschehen und das ist gut so. Und deshalb sind wir heute hier. Wir erinnern uns an ganz großartige Menschen und holen Sie wieder zurück in unsere Mitte.

 

Ich freue mich sehr, dass es eine Linde ist. Passt Sie als Baum der Erinnerung doch so wunderbar zu den Menschen, die ihr verloren habt. Die Linde gilt als ein Symbol für Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und Heimat sowie als Platz der Gemeinschaft. „Denn unter der Linde pflegen wir zu trinken, tanzen, fröhlich sein, denn die Linde ist unser Friede- und Freudebaum,“ sagte Martin Luther.

 

Heinrich Heine schrieb: „Sieh dieses Lindenblatt! Du wirst es / Wie ein Herz gestaltet finden, / Darum sitzen die Verliebten / Auch am liebsten unter Linden.“

 

Für die Kelten war die Linde die Beschützerin des Lebens und der Liebe. Und damit steht sie heute hier goldrichtig. Weil meine Bäume der Erinnerung für das Leben stehen und für die Liebe. Sie stehen für ganz tolle Menschen, die ihr Leben voller Mut gestaltet haben, bis eine Krankheit sie fällte. Sie steht für Euer Leben und dafür, dass die Liebe niemals aufhören wird. Diese Linde wird jetzt zu Euch gehören. Hier könnt Ihr Geburtstage feiern, aufs neue Jahr anstoßen oder einfach mal unter Ihrer Krone sitzen und jedem Ast und jedem Blatt eine Geschichte im Leben Eurer Liebsten zuweisen. Hier könnt Ihr glücklich sein oder auch die Tränen fließen lassen. Hier könnt ihr Euch neu berühren lassen und im Rascheln der Blätter ein leises Lächeln hören. Ein Flüstern, das davon erzählt, dass das Leben wieder sein darf. Das es gut ist, auf beiden Seiten. Anders aber auch wieder gut und eines Tages vielleicht auch wieder richtig erfüllt.

 

Das Warum spielt keine Rolle mehr, denn es ist die falsche Frage auf eine Tatsache, die keiner Antwort bietet. Einem  Leiden, dem wir uns mit aller Liebe, Wachsamkeit und Achtsamkeit entgegenstellen müssen und trotzdem akzeptieren müssen – was auch immer kommen mag.

Anstatt „Warum“ mag ich viel lieber Danke sagen. Danke in Eurem Namen. Danke an Jakob, Sebastian, Rolf und Annemarie. Danke dass ihr unser Leben bereichert habt und in gewisser Weise auch einen anderen Menschen aus uns gemacht habt. Danke für jedes Lachen und jede tolle Sekunde.

 

Und ich persönlich mag Viktor Danke sagen. Für unsere wenigen Gespräche und für die Großartigkeit mit der Du mich in meinem Tun bestätigt hast. Ich möchte Dir auch gerne einen Tree of Memory pflanzen – irgendwo, irgendwann.

 

Folge Dir selbst, höre auf Deine Wünsche, Deine Sehnsüchte, Dein Herz. Mache einzig und allein Dein Ding und setze um, was Du als Einziger fühlst, denn nur Du allein hältst den Schlüssel zum Glück in Händen und nur ein Leben das Du mit Freude liebst und lebst ist in der Lage, als beste Medizin eine Krankheit in ihre Schranken zu weisen. Das sage ich noch immer. Das sage ich noch viel achtsamer als bisher. Das sage ich noch viel lauter. Das sage ich noch immer voller Überzeugung.

 

Erinnert Euch stets an die Menschen, die nicht mehr sind, an das Lächeln eurer Liebsten, das Euch anstrahlt, an die Liebe von einst, denn

Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang
erinnern wir uns an sie;

Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters
erinnern wir uns an sie;

Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers
erinnern wir uns an sie;

Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes
erinnern wir uns an sie;

Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht
erinnern wir uns an sie;

Wenn wir müde sind und Kraft brauchen
erinnern wir uns an sie;

Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen
erinnern wir uns an sie;

Wenn wir Freude erleben, die wir so gern teilen würden
erinnern wir uns an sie;

So lange wir leben, werden sie auch leben,
denn sie sind nun ein Teil von uns,
wenn wir uns an sie erinnern.

 

 

 

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