Vom Hoch der Liebe, dem Tief des Todes, Angst vor der Zukunft

13/08/2019

 

Ich bin mit TREES of Memory nicht nur angetreten zu beweisen, dass es auch ein Leben nach einer Tragödie gibt, in dem wieder alles möglich ist, sondern um auch zu zeigen, wie ich mit Hochs und Tiefs umgehe. Glücklicherweise gab es die Tiefs in diesem Jahr nicht wirklich oft. Genau genommen nur zwei Mal. Das eine Mal am Vatertag, wozu ich dann einen Text verfasst hatte und das andere Mal direkt vor dem Start.

 

Extrem getriggert und auf die „stiefväterliche reingeprügelte Wertlosigkeit“ reduziert, weil ich nicht formulierten Ansprüchen nicht genügt habe, kämpfte ich die ersten Wochen tatsächlich wieder mit sehr unschönen Gefühlen. Meine Emotionen und Gedanken wurden leider wieder direkt in ein dunkles Loch gestoßen, dessen Deckel unsägliche Kreisgedanken bildeten, die nicht aufhören wollten. Trotz aller Versuche mit Meditation und vielen positiven Gedanken dieses Kapitel abzuschließen, musste ich für ca. 3 Wochen wieder ab und an eine Atosil zu mir nehmen, damit es wieder ging. Erschreckend war leider auch die Tatsache, dass es zwei Momente gab, in denen auch ein Suizidgedanke durch das Hirn huschte, der so schnell ging, wie er kam. Ein Gedanke, den ich natürlich nicht festhalten wollte und sofort als etwas „Fremdes“ aus meinem Leben warf. Er hatte da nichts zu suchen. Trotzdem ist dieser Gedanke einfach gekommen, weil ich über Monate hinweg immer wieder mal getriggert wurde und jeder Versuch zu genügen, auch am Gegenüber scheiterte, weil es einfach nicht gewollt war und sicherlich auch die gegenseitige Kommunikation, auch aus psychischen Aspekten heraus scheiterte. Wehe dem, der dann einen solchen Gedanken angsterfüllt zulässt.

 

Das alles hat mir im Laufe der Wochen wieder einmal gezeigt, wie sehr die eigene psychische Gesundheit von den Menschen um einen herum beeinflusst wird. In manchen Fällen sehr unbewusst und voller Unschuld und in anderen Fällen greift der Gegenüber zu psychologischen Waffen, gleich einem Messer, das kaltherzig von hinten in die Brust gebohrt wird.

 

Menschen zu verlassen ist notwendig
Es hat mir erneut bewiesen, dass der einzige Weg den wir gehen können, um zu gesunden, die Trennung von Freunden, Bekannten oder auch Liebhabern ist, die einem nicht gut tun. Im hier und jetzt verankert, dem eigenen Ich zu folgen und dadurch langsam wieder an Stärke zu gewinnen, scheint die einzige Lösung zu sein. Die Betonung liegt aber leider auf „langsam“. Ich hätte nicht gedacht, dass eine lausige Auseinandersetzung so fatale Folgen haben würde. Die Wut darüber spüre ich leider noch immer. Doch es liegt an mir sie zuzulassen und das ist tatsächlich relativ einfach zu regulieren. So wie ich traurige Erinnerungen blitzschnell durch eine lustige Erlebniserinnerung ersetze, kann ich auch die Wut auf jemanden durch das Gefühl der Freude, die man miteinander geteilt hat ersetzen. Das funktioniert an normalen und guten Tagen recht ordentlich. An schlechten Tagen die mit emotionalen Tiefs durchsetzt sind, wird es auch bei mir schwierig. Wenn es dann ganz schlimm kommt, dann greife ich wieder zu einer Atosil und irgendwann ist es dann auch wieder gut.

 

Ein Pfeil, mitten ins Herz
Einige Woche später, genauer gesagt am 16. Mai, wurde ich dann ganz unverhofft, beim Abendessen ohne Vorwarnung und einfach so von Amors Pfeil, ich würde mal sagen „angekratzt“. Und wieder einige Zeit später, in Görlitz, stellte sich Amor hin und feuerte eine ganze Batterie Pfeile auf uns beide ab, die einer nach dem anderen mitten ins Herz trafen. Und plötzlich war alles ganz anders.

Da läuft man dann durch den Wald, voller Sehnsucht auf die nächste SMS wartend, ein Gespräch erhoffend und stundenlang telefonierend in der Hängematte liegend, lustige Bildchen hin und her schickend. Herrlich. Herrlich schrecklich vor allem, weil man sich plötzlich so schlecht konzentrieren kann und die rosa Wolke alle Sinne vernebelt. Aber Entfernung schafft ja schließlich Nähe und so leben und lieben wir immer näher kommend irgendwie, mal in der Distanz und mal in der Nähe.

So schön das alles ist, so schwierig sind alle Gedanken, die plötzlich aufkommen. Darf ich das? Ist es nicht zu früh? Wie soll das werden? Ich habe doch mein Leben ganz anders ausgerichtet? Was jetzt und wie wird es weiter gehen? Wird das funktionieren? Was ist mit den kulturellen Unterschieden? Persisch-Deutsch-Italienisch liegt jetzt nicht gerade eng beieinander ….

 

 

 

Mörder, Verräter…
Schritt für Schritt wichtige Gedanken, quälende Gedanken aber mehrheitlich frohe Gedanken. Man hatte mich Mörder genannt nach Jürgens Tod. Werde ich jetzt zum Verräter meiner Liebe? Drei Jahre nach Jürgens Tod darf ich wieder. Es fühlt sich nicht falsch oder verräterisch an. Ich lausche in das Universum und habe das Gefühl gesagt zu bekommen: Nimm, er ist für Dich. Jürgen hatte seinen Platz in meinem Leben und er wird immer seinen Platz in meinem Leben haben. Aber ich darf auch weitermachen und wieder neu leben und lieben. Es würde nicht passieren, wenn es falsch wäre. Ich hatte nicht gesucht, ich hatte nichts gewollt, ich habe mit nichts gerechnet, ja eigentlich hatte ich mit dem Thema fast abgeschlossen. Irgendwie hatte ich lediglich gehofft. Ja, manchmal in meinen Meditationen und Gesprächen mit dem Universum hatte ich lediglich darum gebeten, man möge mich die nächsten 50 Jahre nicht alleine leben und sterben lassen. Und „bäng“ – wie der Dshinn aus der Flasche gesprungen, steht da plötzlich ein kleiner persischer Prinz vor einem und grinst mir frech und wohlwollend ins Gesicht.

Die Frage wie das nun alles werden wird, lässt sich wohl nicht beantworten, weil es gibt für mich keinen Grund, es nicht auf einen Versuch ankommen zu lassen und bisher geht alles seinen schönen Gang der Dinge. Aber ich stelle auch fest, dass ich Ängste habe, die ich nicht wegdrücken kann. Handy aus, zwei Stunden nichts von ihm gehört, er wollte doch um diese oder jene Uhrzeit zu Hause sein. Sofort dreht sich das Rad der Negativemotionen. Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Was, wenn doch? Es ist schrecklich und ich hasse es und trotzdem muss ich damit leben.

 

Ich versuche Umstände oder psychische Trigger zu erklären. Manche Dinge kommen an, Anderes wird mit einer anderen Sicht der Dinge zurück diskutiert und manches trifft auf völliges Unverständnis. Da sitze ich dann und Zweifel und frage mich, ob ich mir das antun muss oder ob ich nicht doch jemand brauche, der Verständnis für alles und jedes hat. Ich glaube zwischenzeitlich, dass ich nicht alles diskutieren möchte und auch nicht jedes Mal verlangen kann, dass man Dinge versteht, die einem absolut fremd sind. Es Bedarf schon einer gewissen Dramatik im Leben und vielleicht auch eines gewissen Alters, um bedingungslos und empathisch alles als Teil einer bestehenden Perspektive hinzunehmen, die ihre eigene Wahrheit hat. Der Gegenüber, den man liebt, hat es auch nicht verdient, dass er ständig mit dem „Emotionsopfer des toten Ex“ konfrontiert wird. Das ist einfach nicht gut, auch wenn es manchmal sein muss. Nein, ich kann die Uhr auch wieder auf Null stellen und nur das Wichtigste wird mit einer gewissen „Achtsamkeit“ belegt, wieder auf den Tisch gebracht. Ich denke, dass ein wesentlicher Faktor des Lebens nach einem Suizid, eine gewisse vorbehaltlose Normalisierung sein sollte oder besser sein kann. Aber natürlich weiß ich, dass es nicht jedem gelingt und so wie mit der Trauer auch, gibt es auch hierfür keine zeitliche Richtlinie. Seit Jürgens Tod sind dreieinhalb Jahre vergangen, die sich nicht ansatzweise so lange anfühlen. Meine Zeit verging im Flug. Doch hätte man mir 2016 gesagt, dass es so lange dauern würde, wäre ich ohne Hoffnung zusammen gebrochen, freiwillig gestorben. Und jetzt habe ich zu meinem ohnehin wieder guten Trees of Memory Leben, ein neues Leben hinzubekommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Glück hat verschiedene Gesichter und nicht immer im „Ersatz“ oder im „Neuen“
Nach einem gestrigen Telefonat mischt sich meine Dankbarkeit auch ein wenig mit Trauer, weil mir plötzlich bewusst wird (was ich gar nicht auf dem Schirm meiner Gedanken hatte), dass meine neue Liebe und mein neues Leben, für diejenigen die ein Kind verloren haben,  vielleicht auch den Schmerz des Verlustes vergrößert, weil deutlich wird, dass man mit einem Partner wieder neu anfangen kann, doch das verlorene Kind für immer eine Lücke hinterlassen wird. Gibt es einen Trost, den ich geben kann? Kommt mein Versuch Trost zu spenden überhaupt an? Ich bin sehr verunsichert. Ich weiß allerdings auch, dass das was ich erlebt habe und was ich in meinen Vorträgen kommuniziere, tatsächlich ankommt und Trost spendet, weil die Angehörigen plötzlich verstehen, was in einem Menschen vorgeht, der suizidale Gedanken und Depressionen hat. Auch wenn sich manchmal alles so „es ist wieder gut“ anhört, so ist es eben doch ganz anders und ich denke jeder von uns hat Lücken, die nie wieder gefüllt werden können. Doch dem Verlust des Kindes kann man nur mit Schmerz, Trauer, Liebe, Verständnis und der Hoffnung begegnen, dass sich trotz allem eine Lebensaufgabe einstellt, die Erfüllung bringt, auch wenn sie dauerhaft einen Schmerz in sich tragen wird.

 

Krank? Winter is coming!
Ende Juli erkrankte ich plötzlich und fing mir eine dicke Nebenhöhlenentzündung und Erkältung ein, die mich am Weiterlaufen hinderte. Zwei Wochen hatte ich damit zu tun. Da ich das unmöglich in einem Zelt auskurieren konnte, fuhr ich nach Berlin zu Alireza, um mich dort zu erholen. Zu dieser Zeit fand auch der CSD statt und anstatt dicker Party, stand ich als Zaungast am Straßenrand, schaute zu und schlich um 22 Uhr abends geschwächt ins Bettchen.

Letztes Jahr wusste ich um diese Zeit bereits, wo ich den Winter verbringen werden würde. In diesem Jahr war noch alles offen. Doch schon im vergangenen Winter auf dem schönen, aber totlangweiligen, epochal doppelmoralischen Land war mir klar: „Der Bub muss wieder zurück nach Hause“. Und das ist und war für mich schon immer: Berlin. Also habe ich die Zeit des Nasennebenhöhlenschleims genutzt, um mir eine Bleibe in Berlin zu suchen. Und weil wir beide total verrückt sind und dem „folge dem Herzen“ lauschen, haben Alireza und ich zusammen eine Bleibe gesucht und gefunden. Auch damit hätte ich niemals gerechnet, das war nicht geplant, ist natürlich mal wieder für Außenstehende total unvernünftig und wie in jeder Beziehung weiß wohl niemand, geht das gut oder nicht? Wir werden sehen und ich freue mich auf das, was kommt. Ich mache es einfach und ich werde mich nicht von depressiven Gedanken oder dummen Kommentaren Außenstehender verleiten lassen etwas zu tun, das nicht meinem Herzen entspricht.

 

Geht TREES of MEMORY weiter?
Natürlich fragt sich jeder, was jetzt mit TREES of MEMORY ist. Also, um es kurz und knackig zu machen. Den Mario gibt es nicht ohne ToM. Entweder mit oder gar nicht. Sprich es wird sich nichts ändern. Wenn es Millionen an Seeleuten, Ölplattbohrarbeitern, Wanderarbeitern oder Soldaten auf der Welt gibt, die Familien haben, Partner haben und Beziehungen leben, so werden wir Schwuppen doch wohl hinbekommen, wenn man sich mal ein paar Monate nicht oder wenig sieht. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 

Nun, als ich zurück nach Leipzig fuhr, um wieder weiter zu laufen (das war von einer Woche), bekam ich den Anruf, dass wir eine Wohnung bekommen, ich jedoch zur Vertragsunterzeichnung zurück kommen muss. Also stieg ich wieder in den Zug, fuhr zurück. Am selben Tag bekam ich jedoch eine richtig blöde Mail. Mir wurde nämlich mitgeteilt, dass man mir aus diversen Gründen keinen neuen Kurs im Herbst geben könnte. Bäng…….. Blick aufs Konto… Blick auf die leere Wohnung für die alles angeschafft werden muss, weil auch Alireza bisher fertig möbliert gemietet hatte, nachdem er von seiner Heimat Kopenhagen nach Berlin kam …. Blick auf eine sich dunkel färbende nahe Zukunft….. Das hat mich die letzten Tage sehr gelähmt und ich saß wie die Schlange vor dem Kaninchen. Da brach sie weg, die wichtige psychologische Säule: Existenz. Die hatte ich zwar mit ToM aufgegeben, bzw.  neu ausgerichtet und wusste ohnehin nicht, wie ich was, wann, wie machen oder hinbekommen würde aber meist hat es geklappt. Ich hatte die letzten Tage einen fetten Brocken Angst vor mir liegen. Angst in naher Zukunft kein Geld mehr zu haben. Angst einen neuen Lebensabschnitt mit einem neuen Mann zu starten. Angst einen Vertrag zu unterschreiben. Angst vor der Angst. Ich war eigentlich drei Tage lang nicht in der Lage etwas zu machen und war nur mit „Wegatmen“ beschäftigt. Das war nicht schön und mein Stress und der Stress, den Alireza im Moment hat kamen irgendwie zusammen, prallten aufeinander und das war dann auch nicht immer schön. Vor allem produzierte es Zweifel……. Kann das alles gut gehen?

 

Ich war kurz davor alles hinzuwerfen für dieses Jahr und mich direkt in die nackte Wohnung zu setzen, um mir irgendwelche Kellnerjobs oder sonst was zu suchen. Die andere Alternative war die Beziehung hinzuwerfen, damit ich selbstbestimmt zur Not im Wald im Zelt pennen kann. Das war alles keine Option und die Kellnerjobs  habe ich mir für später aufgehoben und natürlich ist das Problem nicht wirklich behoben. Ich brauche eine Aufgabe die mir Geld einbringt und die mir ermöglicht, auch im kommenden Jahr, wie gehabt weiter zu machen. Ein Lottogewinn täte es natürlich auch oder ein Unternehmen, das mich sponsort, weil es den Wert von Trees of Memory erkennt. Nun … Deshalb habe ich die letzten zwei Tage nichts weiter gemacht, als entsprechende Weiterbildungsinstitute zu recherchieren und anzuschreiben. Gleichzeitig versuche ich die eine oder andere Idee im Kopf wachsen zu lassen, vor allem in Sachen Workshops und Vorträge.

 

Keep on moving …
Also, ich habe eine Beziehung, ich habe eine Wohnung, die leer ist und für die vom Löffel, über die Küche, zum Teppich und zum Bett alles gebraucht wird, ich habe ein fast leeres Konto, ich habe Angstgedanken und ich habe meine Intuition, die mir sagt: Hab keine Angst alles wird gut. Darauf baue ich, darauf vertraue ich. Ich höre auf mein Herz und ich nehme an, was mir das Universum schickt ohne die menschlich rationalen Gedanken von „aber du musst…“ an mich ranzulassen. Einen Scheiß muss ich!  Was sich so einfach anhört ist harte emotionale Angstarbeit, Wegatmen und ein tiefes Urvertrauen, das mich ToM im Laufe der letzten drei Jahre gelehrt hat. Mach weiter, sagt es und reagiere, wie Du reagieren musst und lass Dir nichts einreden. Das werde ich jetzt mit meiner Definition von „Vernunft“ machen und ich hoffe am Ende des Tages sagen zu können: Schaut her, hat alles geklappt, war auch gar nicht so schlimm ….

In diesem Sinne … drückt mir trotzdem die Daumen….. für so ziemlich alles J .. und ab morgen, den 14.8. geht es dann wieder weiter von Leipzig aus in Richtung Süden und Westen.

 

 

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